Ein denkwürdiger Tag in Leutzsch

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Von vielen erhofft, von manchen aber auch nicht mehr für möglich gehalten: Chemie Leipzig schreibt wieder positive Schlagzeilen! Der 10. Mai und die Feierlichkeiten zum 50. Meisterschaftsjubiläum der BSG Chemie Leipzig haben gezeigt: Dieser Verein ist nicht tot. Im Gegenteil, er präsentierte sich quicklebendig, zeigte sich gereift und verantwortungsbewusst, kreativ und engagiert, kurzum: Als würdiger Erbe des großen Namens und der reichen Tradition der „alten Chemie“.

Spätestens, als die alte Dame, die am Stand um ein Signum im Buch „Leutzscher Legende“ gebeten hatte, offenbarte, dass sie seit 1951 nach Leutzsch kommt, war mal wieder einer dieser Momente gekommen, in denen man einfach weiß: Es ist richtig, hier zu sein, und man kann stolz sein auf diese große Familie. Denn als solche präsentierte sie sich endlich wieder, die grün-weiße Gemeinde, die in den letzten Jahren eher auf beschämende und befremdliche Art und Weise von sich reden machte. Die Verursacher versuchen, den Todeskampf ihres Konstruktes zu händeln, nicht ohne dem eigentlichen Zweck ihrer obskuren wie überflüssigen Vereinsgründung noch einmal nachzukommen, indem sie versuchen. der BSG Chemie so viele Steine wie möglich in den Weg zu legen.

Die Spielabsage gegen Wurzen ist so überflüssig wie weltfremd und dient nach Ansicht vieler Beobachter dem einzigen Zweck, die sportliche Situation der BSG Chemie zu beeinflussen, sprich, den Aufstiegskampf zu erschweren, indem man den Spielrhythmus stört und eine Situation schafft, in der viele Spiele in kurzer Zeit zu spielen sind. Ein unglaublicher Skandal, der vielleicht einigen Wenigen Befriedigung verschafft, einer breiten Öffentlichkeit jedoch endlich nach und nach die Augen öffnet, wer welche Spielchen treibt und vor allem, wessen Geistes Kind da am Werke ist.

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Auf der anderen Seite die „neue Chemie“, ein „Mitmachverein“ und damit der Typ Verein, den schon die letzten Macher des FC Sachsen gewollt hatten. Es ist basisgeführte Wirklichkeit, die aber den Kinderschuhen der rein ultrageführten Anfangszeit längst entwachsen ist. Und das ist gut so, denn so öffnet sich der Verein verstärkt wahrnehmbar allen Interessierten. Und die Ultras sind trotzdem da, auch sie reifer, erwachsener, verantwortungsvoller. Das ist auch der große Unterschied zum FC Sachsen der Endzeit, der für die Jugend unattraktiv und langweilig geworden war. Hier tummelt sich eine kreative und willige Jugend, die mehr als nur ihren Spaß sucht. Sie hat längst eine echte Heimat gefunden, eine Heimat im Verein, der der ihre geworden ist. Und was kann es besseres geben als das?
Als dann der Bus mit den Meisterspielern vorgefahren war und wir uns begrüßten, sah ich in den Augen der meisten den Zweifel, die Skepsis, die Fragen. Was würde sie hier erwarten? Die wenigsten hatten sich selbst die Mühe gemacht, sich mal in Leutzsch umzusehen und ein eigenes Bild zu machen – verständlich. Die meisten der Jungs sind über 70, viele leben weit entfernt von Leipzig.

Das Ende des dramatischen Delitzsch-Spieles verfolgten sie dann interessiert mit, und beim Lattenschuss kurz vor dem Ende raufte sich auch mancher der alten Kämpen die wenigen noch verbliebenen Haare. Den dicken Kloß im Hals gab es dann, als Männer, Schere und Co. auf dem heiligen Rasen zum Dammsitz schritten und die Fans wie aus einer Kehle sangen. Das war nicht nur Gänsehaut pur, sondern an Emotionalität nicht zu überbieten. Und nun glänzten auch die Augen der Zweifler, denn sie registrierten, dass hier alles so war, wie sie es kannten: die Leidenschaft, die Stimmung, die Emotionen. „Das ist schon ein bisschen wie früher“, strahlte „Manner“ Walter, „das ist einfach überwältigend“. Aufgereiht vor der imposanten Wand des Dammsitzes, bekamen die Spieler einige Geschenke überreicht, während die Fans mit Pyroshow und Leutzscher Liedgut diese Ehrung eindrucksvoll untermalten. Manche Träne wurde dabei verdrückt, und selbst der als eisenharter Hund bekannte Manfred Walter gab zu: „Das hätte ich mir niemals vorstellen können, vor allem, dass die vielen jungen Leute, die uns ja nie gesehen haben, so mit der Sache verbunden sind!“ Durch ein enges Spalier hunderter begeisterter Anhänger betraten die 64er Meister dann das Areal, wo ihre Ebenbilder aus Beton das Spielfeld beobachten, denn dort wurde dann ein Gedenkstein anlässlich des Jubiläums enthüllt.
Es ist einerseits das Geschichtsbewusstsein, andererseits diese unglaubliche Identifikation mit den Geschehnissen, das es vermag, aus scheinbar Abgelegtem, Abgehalftertem, hundert mal Totgesagtem, etwas Neues, Lebendiges, Kreatives entstehen zu lassen. Das ist das eigentliche Wunder. Wieder mal ein Wunder von Leutzsch? Wir werden es sehen. Möglich scheint es zumindest wieder. Es ist ein Wunder, dass der Verein überhaupt noch lebt. Jetzt wächst wieder etwas, es gedeiht und wird stärker. Kann es schöneres geben?

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PS: Achso, und unser Buch wurde auch verkauft im Stadion. Dank der fleissigen Helfer vom Fanclub Delitzsch und von Patrick konnten etliche Besucher ihr signiertes Exemplar mit nach Hause nehmen.

2 Gedanken zu “Ein denkwürdiger Tag in Leutzsch

  1. Danke für die tolle Berichterstattung vom Jubiläum. Auch wenn ich die Situation der BSG nur noch aus der Ferne verfolgen kann, so bin ich doch sehr angetan ob der positiven Entwicklung des Verein. Und so manch eine Träne musste ich beim Anschauen der Bilder und Lesen der Artikel verdrücken. Das Jubiläumstrikot wird einen Ehrenplatz bei mir erhalten. Euch und allen, die mit dem Verein verbunden sind, wünsche ich viel Erfolg und die nötige Kraft, um durchzuhalten. Der eingeschlagene Weg ist richtig. Einen grün-weißen Gruß aus Kyritz / Brandenburg.

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