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Eine These: Chemie erst wieder in anderthalb Jahren?7 min read

14. April 2020

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Eine These: Chemie erst wieder in anderthalb Jahren?7 min read

Wir sehen Chemie erst in anderthalb Jahren wieder Fußball spielen. Horrorvorstellung oder nahende Realität? Und falls wahr: wie soll das gehen? Kann der Verein das überleben?

Nach der aktuellsten Meldung vom 14.4.20, nach welcher der Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle/Saale „Fußballspiele mit Zuschauern im schlimmsten Falle erst wieder im Jahr 2021“ erwartet, „können es bis zu eineinhalb Jahre sein“, dass der Ball wieder rollen kann. Da die Untersuchung der Akademie laut Aussage der Bundesregierung für die zu erwartenden Entscheidungen hinsichtlich einer schrittweisen Lockerung der pandemie-bedingten Maßnahmen gegen das Corona-Virus „wichtige Hinweise“ liefern wird, ist zu erwarten, dass man den darin betreffenden Aussagen maßgebliches Gewicht beimessen wird. Für unseren – zugegebenermaßen nachgeordneten – Mikrokosmos Fußball bedeutet das viel schlimmere und weitreichendere Prognosen als bisher befürchtet. Anderthalb Jahre – das würde bedeuten, dass neben der Beendigung der aktuellen Regionalliga-Saison (von der sowieso auszugehen ist) auch die komplette nächste Saison ausfallen würde. Oder wenigstens ohne Zuschauer stattfinden würde – was für uns die gleiche schlechte Nachricht bedeutet. Denn im Gegensatz zu den Profiligen können wir nicht vor dem TV mitfiebern, wenn unser Team Geisterspiele bestreitet. Was natürlich nicht bedeutet, dass das eine gute Alternative wäre. Zumal in Liga 4 kein Fernsehgeld fließt, jedenfalls nicht an die Vereine.

Aber denken wir die Optionen mal zu Ende.

Option 1: Saison 2020/2021 findet ohne Fans statt

Ein Verein wie Chemie hat vier maßgebliche Säulen, aus denen er seine Einnahmen für den Spielbetrieb generiert: Mitgliederbeiträge, Merchandising, Sponsoren und Zuschauer. Alle anderen Einnahmemöglichkeiten sind zu vernachlässigen.

Im Falle einer Geistersaison entfallen mindestens die Zuschauereinnahmen komplett.

Sponsoren würden zumindest – je nach persönlicher Verbundenheit zum Verein – teilweise weitermachen. Diejenigen, die für ihr Geld eine knallharte Gegenleistung wie öffentliche Wahrnehmung erwarten, auf der Sponsoring ja beruht, benötigen alternative Angebote wie z.B. die umfangreiche Berichterstattung des Vereins über dessen digitale Kanäle. Der Übertragung der Spiele auf den vereinseigenen Wegen käme eine gesteigerte, ja geradezu immense Bedeutung zu, welche auch mit alternativen Sponsorenangeboten zur Kompensation verknüpft werden müssten.  Gegebenenfalls könnten Sponsoren auch auf weitere digitale Angebote des Vereins, oder – im Falle der freundschaftlichen Verbundenheit – auf Spenden umsteigen, welche ja auch abzugsfähig von den zu versteuernden Einnahmen sind. Mit diesen erheblichen Anstrengungen kann für eine gewisse Zeit eventuell eine gleichbleibende Unterstützung durch die Sponsoreneinnahmen gewährleistet werden.

Das Merchandising würde Einbußen hinnehmen müssen. Mal eben am Spieltag einen Schal, eine Mütze, ein Trikot mitnehmen am Shop – unmöglich. Eine Bestellung im Webshop auslösen, wenn kein Spielbetrieb stattfindet – möglich, aber sicher nur eingeschränkt stattfindend. Na klar kann man durch Kreativität einen Teil ausgleichen, doch Sammel- oder Rettungsaktionen sind nicht beliebig oft wiederholbar. Zumal auch die Portemannaies der Leute leerer werden in einer anhaltenden Krise.

Mitgliederbeiträge dürften, abgesehen durch wirtschaftliche Schwierigkeiten einzelner Mitglieder, relativ zuverlässig fließen.

Das bedeutet, dass eine Einnahmequelle (Mitgliederbeiträge) zuverlässig funktioniert, zwei (Sponsoren, Merchandising) nur eingeschränkt sowie eine (Zuschauereinnahmen) komplett ausfällt.

Einsparungspotentiale sind im vorliegenden Falle nur eingeschränkt zu generieren. Weniger Ordner, keine Programmhefte, keine Ticketverkäufer – kleinere Beträge also, welche entfallen.

Option 2: Die Saison 2020/2021 findet nicht statt

Zuschauereinnahmen entfallen komplett.

Sponsoren würden – wieder je nach persönlicher Verbundenheit zum Verein – teilweise weitermachen. Als Ersatz für die entfallende öffentliche Wahrnehmung dürften sie andere Wege suchen, wie sie ihr Produkt oder sich bekannter machen können, es steckt ja oft genug auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit dahinter. Ansonsten sprächen wir von Mäzenatentum. Gegebenenfalls könnten Sponsoren auf digitale Angebote des Vereins ausweichen mit ihrer Werbung, oder auf Spenden umsteigen, welche ja auch abzugsfähig von den zu versteuernden Einnahmen sind. Es darf allerdings bezweifelt werden, dass die gleiche Summe akquiriert werden kann wie in einem laufenden Spielbetrieb mit TV-Übertragungen und erheblich lebhafterer Berichterstattung in den Medien.

Das Merchandising würde ohne Zweifel einbrechen, könnte aber sicher durch kreative Aktionen teilweise aufgefangen werden.

Mitgliederbeiträge fließen sicherlich durch die Fanbeiträge weiter. Fraglich, was mit den Einnahmen durch die Beiträge der sportlich Aktiven geschieht, da der Verein keine Gegenleistung erbringen kann (den Spielbetrieb).

Das bedeutet, dass keine Einnahmequelle zuverlässig funktioniert, drei (Mitgliederbeiträge, Sponsoren, Merchandising) nur teilweise bis erheblich eingeschränkt funktionieren sowie eine (Zuschauereinnahmen) komplett ausfällt.

Einsparungspotentiale sind auf der anderen Seite natürlich vorhanden.

Wenn davon auszugehen ist, dass die Maßnahmen alle Vereine betreffen, wird es in dieser Zeit keine Spielerwechsel geben. Also hätte kein Spieler die Alternative, anderswo Einnahmen zu generieren. So schlecht das für Spieler ist, so tröstlich ist es für den Verein. Mal davon abgesehen, dass viele unserer Kicker ihrem Verein eher helfen als ihm den Rücken kehren würden, lässt das Planungssicherheit zu. Ob, wenn der Spieler keine vertraglich vereinbarte Leistung erbringt, er nicht entlohnt werden muss, werden letztlich die Arbeitsrechtler entscheiden, denn niemand muss blauäugig sein: die Solidarität der Spieler mit den Vereinen hat Grenzen. Ob es uns gefällt oder nicht: Der Mensch muss auch essen. In der 4. Liga werden keine Reichtümer verdient – jedenfalls nicht in Leutzsch. Nach der ersten Klage samt Urteil wird erst Klarheit darüber herrschen, was freiwillig ist und was der Verein MUSS. Im ungünstigsten Falle heißt das: volle Bezüge an die Spieler, die nicht freiwillig helfen wollen. Und können. Denn machen wir uns nichts vor: Ein Student, der NICHT nebenher Fußball spielt und damit seine Kosten deckt, wird sich etwas anderes suchen müssen. Kellnern, jobben, irgendetwas. Ist halt so. Da wäre es am Verein, kreative Lösungen zu finden.

Wo kann man sonst sparen? Keine Spiele, keine Kosten. Ordner, Programmhefte, Ticketverkäufer, Busse, Schiedsrichterkosten, was auch immer: all das entfällt.

Was man aber weiter braucht: die Mitarbeiter vor Ort. Der Verein lebt ja weiter, auch wenn sein Geschäftszweck zeitweise entfällt. Es müssen Beiträge eingezogen werden, Bauarbeiten durchgeführt und das Gelände in Schuss gehalten werden.

 Eine wichtige Frage

Was passiert mit uns Fans während einer Zeit ohne Fußball? Bietet Option 1 ja immerhin noch die Möglichkeit, die Geisterspiele aus der Ferne über die Vereinsmedien zu verfolgen und alle sportlichen Belange ins Haus geliefert zu bekommen, scheidet dies bei Option 2 ja komplett aus.

Das bedeutet: Chemie und seine Fans sind sich (räumlich) so fern wie nie zuvor.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass sich alternative Begegnungsformen herausbilden werden. Die Fans werden Alternativen organisieren: Partys, Fußballspiele, Diskussionsabende – und dabei die Sportler, die nicht oder nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit spielen dürfen, einbeziehen.

Andererseits wird der Verein seinerseits Angebote schaffen. Sowohl auf digitaler als auch persönlicher Ebene. Die digitalen Angebote werden in dieser Zeit erheblich ausgeweitet werden müssen, um a) Informationsfluss zwischen Verein und Fans zu garantieren, b) Hilfsangebote und -möglichkeiten transparent zu machen und c) die emotionale Bindung zwischen beiden Gruppen zu stärken bzw. nicht abreißen zu lassen. Auf persönlicher Ebene kann der Verein mit Angeboten wie gemeinsamen Arbeitseinsätzen, Fanforen und kulturellen Veranstaltungen reagieren – alles immer im jeweils zugelassenen und erlaubten Rahmen selbstverständlich. Dies könnte der Fall sein bei einer Begrenzung von Angeboten auf eine bestimmte Personenanzahl.

Prognose: Durch den steigenden Organisationsgrad bei Fans jeglichen Alters und Coleur wird die Fanszene noch enger zusammenrücken. Am Ende der Krise geht man gestärkt daraus hervor.

In einer Art Notwirtschaft wird der Verein am Rande des Existenzminimums nach Überlebensstrategien suchen – und sie finden. Denn sein größter Trumpf dürfte wieder einmal stechen: seine Fans. Es wird keine erneute 185 000-Euro-Sammlung geben (können), soweit ist das wohl klar. Aber die Kreativität vor allem der vielen jungen Fans wird immer wieder Ideen gebieren, welche monetäre Vorteile generieren werden.

Schwere Zeiten, zweifellos. Aber es ist absehbar, dass das alte Lied stimmt:
Aber eins, das bleibt bestehen: Chemie, Chemie, wird niemals unter gehen!