Motorrad

Isle of Man 20088 min read

26. Juni 2008

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Isle of Man 20088 min read

 

Insel der glücklichen Biker

 

Wenn zweimal im Jahr Heerscharen von lauten, schnellen und nach Geschwindigkeit heischenden Motorrädern über die Insel herfallen, löst das bei der einheimischen Bevölkerung nicht etwa Angst und Schrecken aus. Im Gegenteil: Zimmer werden für die Gäste geräumt, die Städtchen herausgeputzt und die eigenen Bikes herausgeholt. Schließlich haben die meisten der 75 000 Einwohner ein großes Herz für das Motorradfahren. Schließlich reden wir hier von der Isle of Man.

http://www.myvideo.de/watch/4651665/Isle_of_Man_2008_mit_ner_Harley

http://www.myvideo.de/watch/1134138/Isle_of_Man

Spektakulär: Sprung an der Ballaugh-Bridge.

Seit 101 Jahren findet die Tourist Trophy, das verrückteste Straßenrennen der Welt, auf der 52 mal 22 km großen Insel statt. Jedes Jahr im Mai wird die Insel in der irischen See von 25 000 bis 30 000 Bikern besucht. Im Herbst läuft der „Manx Grand Prix“, bislang als „kleine TT“ bekannt, mit weniger Besuchern und deshalb als Geheimtipp gehandelt.

Verrückt ist das Rennen deshalb, weil die im Motorsport sonst üblichen Sicherheitsvorkehrungen auf der Insel praktisch nicht stattfinden. Sicherheitszonen? Fehlanzeige. Kiesbett? Nicht vorhanden. Reifenstapel? Strohballen tun es auch. Stattdessen ist die 60 km lange Strecke, die durch Wälder, Ortschaften und durch den einzigen Gebirgszug der Insel verläuft, gesäumt von Mauern, Bäumen und Hecken.

Das hält die Fahrer nicht ab, mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 290 km/h den Kurs zu umrunden. Schwere Unfälle sind auf dem schweren Kurs unvermeidlich, Todesopfer fast jedes Jahr zu beklagen. Vor allem unter jenen Besuchern, die in oft aberwitziger Form versuchen, es den Rennprofis nachzumachen. Fast 99 Prozent der TT-Touristen fahren straßentaugliche Rennmaschinen japanischer oder italienischer Abstammung. Und weil auf den meisten Straßen ausserhalb der Ortschaften keine Geschwindigkeitsbegrenzung existiert, hält man sich strikt links und schaut eben besser sehr oft in den rechten Rückspiegel, um den Wahnsinn nahen zu sehen.

 

 

Soweit die gefährlichen Seiten dieses weltweit einmaligen Spektakels. Wir wollen uns dem Mythos Isle of Man gemütlich nähern und cruisen mit einer Harley-Davidson E-Glide und einer BMW Adventure binnen zwei Tagen ins 800 km entfernte Rotterdam. Von dort bringt uns eine Fähre nach Hull, England ist bis Liverpool zu durchqueren, wo wir nach Quickstop in Cavernclub, Penny Lane und Beatles-Museum mit dem Catamaran der Steam Packet Company die letzte Etappe zum Ziel unserer Träume bewältigen.

In Kirk Michael sind wir bei einer Gastfamilie privat untergekommen, belegen deren sonstiges Schlafzimmer. Bad und Küche werden gemeinschaftlich genutzt, es geht ziemlich eng zu. Im Laufe der Woche wird sich die Lage dramatisch verschärfen, denn zwei Belgier und ein amerikanisches Ehepaar stoßen noch zu uns. „Völlig normal“, versichert uns Ian, der Hausherr, „das machen hier die meisten Leute so, seit die TT so boomt“. Irgendwann in den 80ern reichten Hotels und Pensionen nicht mehr aus und so bat die Administration die Bürger um Hilfe. Tausende Privatquartiere und dutzende temporäre Zeltplätze entstanden seither. Auf einem Campingplatz ganz in unserer Nähe hat der Brite Nick aus Bristol seit etlichen Jahren sein Stammquartier. Der 46-jährige ist selbstständiger Handwerker und ,acht drei Wochen Urlaub zum Rennen.

Im legendären Pub „The Mitre“ erzählt er von seiner Leidenschaft Motorrad, seinem Eigenbau mit Yamaha-Motor, der 240 km/h schafft, und wie er im letzten Sommer in den Bergen sein Bike schrottete. Die Triumph Speed Triple war nicht zu retten, er selbst blieb glücklicherweise unverletzt. „Ich war halt zu schnell und hab den Splitt in den Kurve zu spät gesehen“, lautet sein lakonischer Kommentar.

In der Woche vor dem eigentlichen Rennen findet täglich ein Training der Profis statt. Die Strecke wird dann gesperrt, und die bereits anwesenden Besucher können erste Renn-Atmosphäre schnuppern. Unzählige Helfer – auf der Insel Marshals genannt – sichern die Strecke dann ab. Einige von ihnen, meist ehemalige Rennfahrer, sind auf schnellen Maschinen unterwegs und kontrollieren vor Beginn der Trainings den Zustand der Strecke. Zwei von ihnen lernen wir am zweiten Abend kennen.

Die grauen Haare und die Falten täuschen – in Wirklichkeit sind Dick „Richard“ Cassidy, Head Mashall, und Norman Kneen, Marshall, recht flott unterwegs. Kneen mit der Nummer 9 ist hier ein Held, er ist die TT selbst schon mitgefahren, freilich vor mehr als 25 Jahren. Wenn man ihn allerdings um die Strecke rasen sieht, meint man, er stünde noch im aktuellen Starterfeld. Die Frage nach dem „Warum“ beantwortet er verwundert: „Weil ich hier geboren bin, das ist der Grund. Hier haben alle Benzin im Blut“. Seit 1972 ist er auf zwei Rädern unterwegs, seit 27 ist er Marshall während der Rennen. Wir werden ihn noch einige Male auf der Strecke sehen.

 

 

Als am nächsten Tag das typische „Manx-Wetter“ vorherrscht, Regen und Nebel regieren, widmen wir uns den durchaus reichlich vorhandenen Sehenswürdigkeiten der Insel. Das weltgrößte Wasserrad in Laxey, „Lady Isabella“ genannt, die gewaltige alte Burg in Castletown, der Point of Ayre an der Nordspitze der Insel mit seinem malerischen Leuchtturm und nicht zuletzt die Fairy Bridge, an der Trolle leben sollen, die man unbedingt grüßen muß, wenn man irgendwann wieder auf die Insel zurückkehren will… In Peel genießen wir gleich zwei einheimische Spezialitäten. Das „weltbeste Eis“ gibt es bei Davisons direkt am Strand, und die Manx Kippers, geräucherte und in Schmetterlingsform aufgeschnittene Heringe, probiert man am besten in einer der letzten verbliebenen Räuchereien der Insel, z.B. bei „Moores Curers“.

Hier treffen wir auch auf die berühmte Manx-Katze. Diese unterscheidet sich von ihren Artgenossen dadurch, dass sie keinen Schwanz hat. Schmusen will sie aber wie alle Katzen… In der Inselhauptstadt Douglas (25 500 Einwohner) gibt es rote Doppelstockbusse, eine Pferdebahn und jede Menge Pubs.

Im „Port Jack Chippy“, wo es das beste Fish and Chips der Insel geben soll, treffen wir Murray. Er ist eigens aus Neuseeland hergejettet, hat sich eine Maschine geliehen und erkundet nun wie wir die Insel.

Er ist zum ersten Mal hier und hat sich vier Wochen Zeit genommen. Damit erfüllt er sich einen langgehegten Traum: „Das ist eines der Dinge, die man tun muss, ehe man stirbt. Das habe ich aber noch lange nicht vor“, lacht er, ehe er mit seiner Honda weiterfährt.

Tags darauf wird es ernst. Wir besuchen das Training, das ab 18.20 Uhr startet. Wir haben uns eine der spektakulärsten Stellen der Strecke herausgesucht. Am Greg ny Baa-Hotel kommen die Fahrer mit 250 Sachen aus einer langen Geraden zu einer 90-Grad-Rechtskurve, müssen stark abbremsen, ehe sie wieder mit Höchstgeschwindigkeit Richtung Douglas rasen. Wer sich hier verbremst, landet direkt im Hotel. An der Grand Stand, einer eigens errichteten Tribüne, kassiert Rentner Lucio die drei Pfund Eintritt.

Er ist Italiener und lebt seit zwei Jahren auf der Insel. „Natürlich war es das Rennen, was mich hergezogen hat“, gesteht er und grinst schelmisch, „meiner Frau habe ich das vorher aber nicht so gesagt“. Mit seinen lustigen Sprüchen unterhält er die wartenden Fans, bis das Training beginnt.

Und dann ist es soweit. Der „Mad Sunday“, der „verrückte Sonntag“, steht bevor. An diesem Tag drehen alle schier durch. An jeder Ecke wird gefeiert, finden Events statt, fließen Bier und Cider in Strömen, locken Stuntshows und Markentreffen. Im Mittelpunkt steht jedoch die Strecke. Heute ist der Tag der Möchtegern-Rennfahrer.

 

Zu tausenden umrunden sie die Strecke, überbieten sich in gewagten Manövern, kitzeln die letzte Pferdestärke heraus. An der „Windy Corner“, wo wir das Treiben beobachten, kommt es zum Crash. Ein Fahrer überschätzt sich, kratzt kurz mit den Knieschleifern am Boden, wird aus der Kurve getragen und abgeworfen. Seine Maschine rast über die Begrenzung und überschlägt sich mehrere Male, dem Fahrer geschieht zum Glück nichts.

Der Thailänder Peter lebt in Manchester und ist mit Freunden hier. Am Tag zuvor hatte es einen Freund mit der gleichen Maschine am gleichen Ort ebenfalls erwischt. Zudem war Peter Stunden zuvor von der Polizei erwischt worden. 23 Kilometer zu schnell kosteten ihn 254 Pfund, also etwa 400 Euro. Zehn Meilen Geschwindigkeitsübertretung kosten 150 Pfund, jede weitere Meile acht Pfund. Das war nicht sein Tag …

Sorgen ganz anderer Art lernen wir am darauffolgenden Tag kennen. Mike Roscher aus Chemnitz wird nicht für zu schnelles, sondern für zu langsames Fahren bestraft. Dem Seitenwagenfahrer aus Chemnitz, der in Kassel lebt, fehlen gegenüber den Spitzenfahrern 30 km/h. „Unser Material gibt das einfach nicht her. In den Kurven halte ich gut dagegen, auf den Geraden fahren sie mir weg“.

Der Crashpilot (Mitte)

Auch der Dreher, der 1989 über Ungarn flüchtete, ist vom besonderen Flair und dem Mythos der TT infiziert: „Das ist etwas ganz besonderes hier, und wir sind sehr stolz, mitfahren zu können. Durchzukommen und eine möglichst gute Plazierung sind unsere Hauptziele“. Die Nummer 35 wird am Ende einen guten 25. Platz belegen, man kann zufrieden sein mit der zweiten Teilnahme hier.

Für uns geht eine Woche Abenteuer zu Ende. Viele neue Freunde gewonnen, tolle Rennen und tollkühne Fahrer erlebt, einen schönen Flecken Erde kennen gelernt. Und das „I survived Mad Sunday“-T-Shirt abgegriffen, das davon kündet, das man den Sonntag überlebte. Gehört schließlich irgendwie dazu, zum verrücktesten Motorradrennen der Welt. Und wiederkommen wollen wir auch.

Infos: Manx Grand Prix 16. Aug. – 29. Aug. 2008
Nächste TT: 30. Mai – 12. Juni 2009

 

 

 

 

 

2 Kommentare
  1. Sarah

    hey, man sieht euch ja garnicht auf dem viedeo!! nur meinen verrückten vater *grins*! viel spaß beim nächsten abenteuer ciao sarah

  2. admin

    Naja, das war auch so gewollt. So kann ich das unsportliche Gefahre auf ihn schieben - MICH sieht man ja nicht. :-) Liebe Grüße! Jens

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