start

Alles neu, aber immer noch „Haare auf Krawall“4 min read

14. Oktober 2020

author:

Alles neu, aber immer noch „Haare auf Krawall“4 min read

21 Jahre sind vergangen, und alles ist neu, vor allem die Haare. Sie stehen noch immer auf Krawall im vielleicht wichtigsten Buch über Jugendliche, die in der DDR machten, was sie wollten. So lange sie durften. Oder: solange sie durchhielten. Chaos haben sie kleingekriegt, mit Drohungen, Prügel und Psychoterror. Wutanfall hat weitergemacht, und Leute, die mit anderen Namen weiter Krawall machten. HAU, L’Attentat, Schwarzer Kanal. Ilona haben sie nicht klein gekriegt, sie hat sich gegen die DDR resistent gezeigt und später gegen alle Erscheinungen, welche die neuen Freiheiten einschränken wollten: Behörden, Politiker, Nazis. Sorry für die Nennung in einem Satz. Ist aber alles belegt … Bernd haben sie nur bedingt kleingekriegt. Punksänger, Demonstrierender, Knacki, Freigekaufter, aus dem Westen wirkender, Zurückgekehrter. Da war keine Resignation, nur veränderte Voraussetzungen.


Nur drei Jugendliche aus Leipzig mit ihrem Beispiel, die in „Haare auf Krawall“ Zeugnis ablegen über Aktion, Mut und Konsequenzen. Diese mündeten zwangsläufig fast immer in einem: Repression. Diese so unsouveräne und vor allem gegenüber ihrer Jugend latent misstrauische DDR wusste sich nicht anders zu helfen, als ihre eigenwilligen Jugendlichen zu maßregeln, einzuschüchtern und, wenn aus ihrer klassenkämpferisch-verbrämten Sicht nötig, zu bestrafen. Die Gleichung war also simpel: Eigener Kopf + Öffentlichkeit = feindliche Handlung.
Der eine wurde nachts von Stasi und Polizei aus dem Bett geholt und verprügelt, der andere in den Knast gesteckt, der dritte diffamiert und angeschmiert. Das Ziel war immer das gleiche: Den Eigenmächtigen Grenzen zeigen und deren Aktivitäten am besten beenden. Ob Punk, Dissident oder Fußball-Fan: diese Leute waren dem sozialistischen Staat (Eigenbeschreibung) nicht geheuer.


„Haare auf Krawall“ berichtet in authentischen und ausführlichen Beschreibungen darüber, fußend auf Interviews mit 30 Betroffenen. Damals wie heute ist der Weg zu bewundern, den viele dieser Jugendlichen damals gingen. Mit einer schier entwaffnenden Selbstverständlichkeit taten sie das, was sie wollten, und probierten sich und ihre Grenzen aus. Indes waren die Grenzen eng gesteckt, die der Staat zuließ, und so eckte man an, kollidierte und wurde mitunter zum erklärten Staatsfeind. Diese Logik war zwar für die meisten Betroffenen anfangs unvorstellbar, aber letztlich unausweichlich. Manche zogen sich zurück, manche machten erst recht weiter.
Die ungeheuerlichen Konsequenzen, die sich auftaten, öffneten leider nur den unmittelbar Betroffenen die Augen über das herrschende System. Arbeitskollegen, Freunde und sogar Familien negierten die Brutalität und Unbarmherzigkeit des Staates weitestgehend.
Schon allein deshalb lohnt sich dieses Buch.


Es beschreibt, wie im Jahrzehnt vor der angeblich so „friedlichen Revolution“ Jugendliche dem Wandel den Weg bereiteten; nicht als Umstürzler oder Systemgegner – sondern als normale Kids, die kriminalisiert und stigmatisiert wurden. Sie waren keine Massen, aber ihr Beispiel sprach sich dennoch herum. Langsam, aber beständig, und so allmählich dämmerte es Teilen einer ganzen Generation, dass dieses Land, dieses System, keine Zukunft für sie bereithalten würde. Und als diese DDR erodierte, trugen genau diese Jugendlichen und ihre Erfahrungen dazu bei, das Ende des Systems zu beschleunigen.
Einen Wandel indes bekamen sie nicht hin. Dazu war ein Großteil der plötzlich auf die Straße drängenden Bevölkerung nicht bereit. D-Mark und Wohlstand lockten mehr als ein selbstbestimmtes, eigenes Wertesystem. Vielleicht war es auch nur eine Utopie, zu der die meisten Menschen keine Lust, Zeit oder Glauben mehr hatten.

Die inzwischen vierte, aber komplett neu gestaltete und um drei Kapitel sowie umfangreiche Glossare erweiterte Auflage wurde nun am 3. Oktober im UT Connewitz vorgestellt. Die vielen anwesenden Protagonisten des Buches registrierten nicht nur die komplette Neugestaltung, sondern auch die nunmehr mit den Möglichkeiten unserer Zeit gescannten und bearbeiteten Fotos, auf denen man nicht nur etwas erlkennt, sondern sogar Bildunterschriften weitere Details preisgeben. Die Autoren Connie Mareth und Ray Schneider erzählten einiges vom Entstehen des Buches und lasen einige Zeilen aus den neu hinzugekommenen Kapiteln (u.a. von Ratte, Bassist L’Attentat, Gruftie Sascha und Hausbesetzerin Antje). Auf der Bühne sorgte der Schwarze Kanal erst- und wohl auch einmalig für eine Unpluggend-Untermalung der Szenerie. Bernd und Schrammel hatten einiges zu erzählen und gaben den 85 zugelassenen Besuchern (dreimal so viele Interessenten mussten leider den Abend verpassen) originelle Einblicke.

Nun bleibt zu hoffen, dass auch eine junge Generation dieses Buch mit seinen vielfältigen Themen für sich entdecken wird. Es ist an vielen Stellen aktueller als man es zu glauben gewillt war vor einiger Zeit, es aber inzwischen eingestehen muss.