Biker-Legende Sonny Barger feiert 80. Geburtstag

USA Arizona 28.3. - 16.4.2013 13.4.2013 14.4.2013 Hausgast bei SB und Fahrt zum Kino Sonny Barger

Sonny Barger – ein Mann, dessen Name man weltweit kennt. Hells Angel seit über 60 Jahren, Präsident des Charters in Oakland, Hauptfigur in Filmen, Büchern sowie bei den Hells Angels. In den Staaten bezeichnet man ihn als „American Legend“. Vor einigen Jahren hatte Autor Jens Fuge als einziger deutscher Journalist die seltene Gelegenheit, Sonny in dessen Haus in Arizona zu besuchen. Seine Reportage erschien 2014 in dem Buch „Höllenritt durch Arizona“ (erhältlich bei www.backroad-diaries.de).

Leseprobe:

In Sonny Bargers Schlafzimmer musste ich an Hunter S. Thompson denken. Er beschrieb den bekanntesten Hells Angel der Welt so: „… der kühlste Kopf der Bande, der blitzschnell und knallhart agiert, wenn‘s ans Eingemachte geht. Er ist abwechselnd Fanatiker, Philosoph, schlägergeschickter Vermittler und letztinstanzlicher Schlichter.“ Ich hatte all das im Kopf, all die Geschichten, die Erzählungen, die Bilder, die von der geheimnisumwitterten und verschlossenen Bruderschaft im Umlauf sind. Verteufelt und verurteilt, wild und ungezähmt, auf jeden Fall aber unnahbar und abweisend. Und nun stand ich im Schlafzimmer ihres bekanntesten und populärsten Mitglieds der Angels, das die Welt als Anführer und Gründer des berüchtigsten Motorradclubs auf Erden kannte.

Wir bogen auf den Hof der kleinen Ranch ein und hatten zweihundertfünfzig Kilometer in glühender Hitze hinter uns. Von Tucson aus waren wir am Morgen gestartet, aber nicht besonders früh, und das lag an Johnny Angel. Der große alte Mexikaner in den Reihen der Angels hatte eine seiner legendären Rotwein-Partys gefeiert und war schwer abgestürzt. So dauerte das Frühstück im Hotel viel länger als geplant, und wir kamen erst los, nachdem der persönliche Prospect Johnnys dessen Krückstock auf dem mächtigen Victory-Motorrad platziert und festgeschnallt hatte.

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Sonny erwartete uns schon, in der Mitte des Hofes stehend, ungeschützt vor der gleißenden Sonne. Er hob kurz die Hand, während wir an ihm vorbeirollten und die Bikes auf dem kiesigen Untergrund im Schatten parkten. Maxx und er begrüßten sich nach Angels-Sitte mit einem kurzen gegenseitigen Klopfen auf den Rücken, mir reichte Barger die Hand. Wir gingen ins Haus, denn es war gegen Mittag und die Hitze war kaum auszuhalten. Nachdem wir durch die Tür gegangen waren, standen wir schon direkt im Wohnzimmer, einem großen, offenen Raum, der von einer riesigen bequemen Couch beherrscht wurde, die halbkreisförmig im Zimmer stand. In einer Art hölzerner Schrankwand, die links und rechts neben dem Fernseher emporragte, standen in offenen Regalen ein paar Bücher, einige gerahmte Fotos sowie Unmengen von Krimskrams – eine alte Geige, eine rote Schachtel aus Plastik, auf die der Schriftzug „CocaCola“ aufgedruckt war, einige Flaschen mit und ohne Inhalt sowie Geschenke aus aller Welt. Mitbringsel und Ehrerbietungen, die dem „Chief“ von Brüdern aus allen Kontinenten überreicht worden waren. Eine hölzerne Schlange wand sich um den Bildschirm des Fernsehers und davor lagen einige Plaketten mit dem Deathhead. Über dem Fernseher hing ein gemaltes Bild, das neben einem kunstvoll gezeichneten geflügelten Totenkopf auch Sonnys Gesicht zeigte. Merkwürdigerweise hatte er die Augen geschlossen auf diesem Bild und er lächelte. Das Bild stammte von deutschen Hells Angels und er schien es zu mögen, sonst hätte er es kaum an dieser exponierten Stelle aufgehängt.

Auf der anderen Seite des Zimmers stand ein schwarzer Konzertflügel, der aber kaum zu erkennen war, weil sich auf ihm ebenfalls Fotos und Gegenstände aller Art türmten. Vor allem ein großes Motorrad aus Rattan stand dort, aus dem gleichen Material, aus dem ansonsten Sitzmöbel oder Regale gefertigt werden. Davor standen dicht an dicht gerahmte Fotos, die fast aneinander stießen, sodass man auf dem jeweils hinteren gar nicht mehr erkennen konnte, was darauf zu sehen war. Sie standen auf einer Damastdecke, die am Ende lange, gedrehte Kordeln hatte. Auf der mit einem Deckel verschlossenen Tastatur stand ein hölzernes Dreieck mit der amerikanischen Flagge. Der Rest des Zimmers war vollgestellt mit Reit­utensilien: da waren Sättel verschiedener Ausführung und Machart, die auf eisernen Gestellen lagerten. Ein großes gerahmtes Bild mit drei Reitern stand auf dem Fußboden an die Wand gelehnt, einige Skulpturen mit Reitern und Pferden auch. Ein Coca-Cola-Werbeschild sowie ein alter Holzkasten mit ebenso alten Coca-Cola-Flaschen standen vor dem Klavier. Auch eine Art Verkorkungsautomat stand herum. Vor dem Kamin, der unbenutzt wirkte, waren einige alte Öllampen aufgereiht, daneben eine schwarze Vase mit Sonnys Namen und einem Deathhead, die wie eine Urne aussah.

Die beiden Hunde der Bargers, Hannah und Freedom, wichen dem Hausherrn nicht von der Seite. Auch nicht, als wir weiter durch das Haus gingen, die Küche und das Büro besichtigten, wo es ebenfalls überall die schönsten Fotos, Bilder und Ausstellungsstücke zu besichtigen gab. In der Küche beispielsweise stand eine Vitrine mit großen Glasscheiben, in der sich unzählige kleine Geschenke stapelten: Ringe, Pins, kleine Schachteln, Aufnäher, Aufkleber, alte Broschüren – alle mit dem geflügelten Totenkopf versehen. Ich konnte kaum genau hinschauen, da ging es schon weiter. Und plötzlich stand ich im Schlafzimmer des „Chiefs“. Nicht, dass es jetzt ein irgendwie außergewöhnlicher Raum gewesen wäre, das nicht. Doch schon sonderbar, auf einmal in einem so intimen Raum zu stehen. Schließlich bettete hier der berühmteste Rocker der Welt sein Haupt zur Ruhe! Aber scheinbar sieht man das in Amerika gelassener als in Europa, oder wenigstens im Hause Barger. In der Küche bot Sonny mir etwas zu trinken an und als wir beide eine Flasche Wasser in der Hand hielten, setzten wir uns unter das Vordach in den schützenden Schatten. Hier unterhielten wir uns über das Altwerden und ich führte mein erstes Interview mit Ralph Barger. Ganz rücksichtsvoll hatte er zuvor die großen Röhren des Klangspiels mit einem Gummiband zusammengebunden, damit diese meinen Mitschnitt nicht stören konnten.

29.4.-13.5.2012 USA mit Willi und Kuno

Sonny und Jens.

Ich will ja nicht alles wieder aufwärmen, was du schon 500 Mal gefragt worden bist. Ich bin interessiert an deinem Leben jetzt und hier, wie es dir geht und was du so den ganzen Tag lang machst.

Was wichtig ist, ist, dass ich nicht der Sprecher der Hells Angels bin. Mein Leben ist der Club, aber ich mache keine Politik und keine Richtlinien mehr.

Also, wie muss man sich einen normalen Tag im Leben des Sonny Barger vorstellen?

Zuerst mal: Mein Leben ist langsamer geworden. Und jetzt nochmal zusätzlich, weil ich kürzlich (im Frühjahr 2012, der Autor) noch eine Operation hatte. Aber normalerweise stehe ich morgens um fünf Uhr auf, genieße eine Tasse Kaffee und gehe dann zu meinen Pferden, um sie zu füttern. Dann putze ich den Pferdestall, denn das Beseitigen der Pferdeäpfel verhindert die meisten Fliegen. Wenn das alles fertig ist, ist es gegen halb sieben und ich gehe in mein Fitnessstudio, was in letzter Zeit nach der Operation nicht möglich war, aber im Normalfall ist das so. Dann mache ich Sport für ein bis anderthalb Stunden und das fünf Tage die Woche. Dann gehe ich ins Haus, dusche und frühstücke. Ich nehme gern Proteingetränke für mein Frühstück. Ich trinke also gern mein Frühstück, dann sattle ich mein Pferd und reite für ’ne Stunde oder so. Nicht jeden Tag, aber ein paar Tage die Woche mache ich das so. Und dann später fahre ich eine Runde auf dem Motorrad. Gegen 21 Uhr gehe ich ins Bett, sodass ich um fünf wieder aufstehen kann. Außer, wenn etwas angesagt ist – Clubtreffen, Ausfahrten, Partys. Aber dann stehe ich trotzdem fünf Uhr auf, mache dann höchstens ein Mittagsschläfchen zwischendurch. Ich werd schließlich 75 Jahre dieses Jahr. Ich habe den Krebs besiegt in den 80er-Jahren, als ich Kehlkopfkrebs hatte, und letztes Jahr haben die Ärzte die Prostata herausoperiert, die von Krebs befallen war. Und nun sieht es so aus, als ob ich vom Krebs befreit bin – wieder! Ich schaue etwas fern gegen 17 Uhr. Dann füttere ich die Pferde wieder und bewege sie etwas und lass sie etwas laufen. Im Sommer, wenn es richtig heiß ist, lass ich sie im Stall, wo sie Schatten haben, und nachts lass ich sie in die Arena hinein, sodass sie Auslauf haben. Im Winter genau umgekehrt, da nehm ich sie nachts in den Stall, wo es wärmer ist. Es ist immer wieder ein Hin und Her.

Du bist scheinbar ein großer Tierliebhaber. Deine Hunde sind immer um dich herum.

Ja, ich liebe sie! Ich spiele gern mit meinen Hunden. Mein Rottweiler ist leider vor Kurzem gestorben. Er hat es immerhin 13 Jahre geschafft. Er hieß Renfield. Kennst du Draculas Laborpartner Renfield? Er hat immer Fliegen gefressen! Das hat mein Rottweiler auch gemacht, deshalb bekam er diesen Namen. Er war ein geretteter Hund.

Meine jetzigen Hunde heißen Freedom und Hannah. Freedom ist ein Hund, den wir von der Straße gerettet haben, wir fanden ihn an der Autobahn, nannten ihn deshalb Freeway. Später haben wir ihn umbenannt, jetzt heißt er Freedom. Unser deutscher Schäferhund heißt Hannah, wir haben sie knapp ein Jahr. Wir holen keine Welpen, meine Frau und ich retten Hunde lieber.

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Und wie kamst du auf die Pferde? Dieses Hobby ist ja noch nicht so alt …?

Ich habe vor ca. 15 Jahren, mit 60 Jahren, begonnen zu reiten. Ich werde ihren Namen nicht preisgeben, aber ich hatte eine Frau geheiratet, die Pferde gehabt hat. Es war eine beschissene Ehe, sehr schlecht, aber ich habe nach der Scheidung die Pferde behalten. Beim ersten Mal, als ich geritten bin, hat es gleich sehr viel Spaß gemacht. Es ist schwieriger als Motorradfahren, Mann, denn man muss das Pferd dazu bringen, dass es das tut, was du willst – ein Pferd hat auch ein Gehirn! Unsere Pferde sind beide 13 Jahre alt. Mein Pferd ist Smokey, das kommt von seiner Farbe, sieht aus wie Hirschleder oder Buckskin. Ich habe es, seit es vier Jahre alt war. Zoranas Pferd heißt Goose, es hat ein grau-weißes Specklemuster, fast wie eine graue Gans, und so kamen wir auf den Namen Goose. Wir haben es seit knapp acht Jahren.

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Also haben die geliebten Motorräder Konkurrenz bekommen – was machst du denn lieber: reiten oder fahren?

Ich fahre mit dem Motorrad, liebe aber auch die Pferde. Ich könnte beides jeden Tag machen. Wenn ich wählen müsste, wäre es das Motorradfahren. Zorana und ich fahren ja beide eine Victory. Ich hatte erst eine 2008 Vision und seit kurzem eine brandneue schwarze Cross Country und Zorana fährt eine 2010 Cross Country. Im ersten Monat, als sie das Motorrad hatte, fuhr sie 7000 Meilen! Wir haben die Motorräder vollgepackt und sind nach Idaho gefahren, und dann die Küste runter bis LA. Und das gleich im ersten Monat, nachdem Zorana ihr Motorrad bekam! Sie wollte sie unbedingt richtig testen. Sie liebt die Ausfahrten mit mir.

Also hast du jetzt so richtig Zeit fürs Motorradfahren ?

Ich kann nicht sagen, dass ich mehr oder öfter fahre als zuvor. Meine Victory war 2,5 Jahre alt und hatte schon 90 000 Meilen drauf. Wobei, wäre ich noch jünger und gesundheitlich besser drauf, hätte ich locker 150 000 Meilen. Oh, ich liebe Motorradfahren! Lass mich überlegen, wenn ich nach Kalifornien gefahren bin in die Bay Area, manchmal drei, vier Mal im Monat, sind wir für einen Tag hingefahren und danach gleich wieder nach Hause zurück. Das waren manchmal 1 000 Meilen am Tag! Aber 800 Meilen am Tag sind immer drin …

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Pferde und Motorräder klingen gut. Aber was machst du nicht so gern?

Autofahren ist nichts für mich. Wenn ich so zurückdenke, habe ich meinen Pick-up in den letzten fünf Jahren vielleicht fünf Mal selber gefahren. Ich mach alles auf dem Motorrad. Wenn wir doch mit dem Pick-up fahren, sitzt meine Frau hinterm Steuer. Wir leben in Arizona und fahren durchschnittlich 360 Tage mit dem Bike. Es ist so schön hier. Letztens bin ich den Pick-up selber gefahren, rückwärts, um was aufzuladen, und bin in einen Baum gefahren. Als ich jünger war, bin ich öfter Auto gefahren, kurz bevor ich zum Militär ging, hatte ich ein eigenes Auto.

Nach dem Militärdienst, als ich 17 war, habe ich mir ein Motorrad gekauft. Als ich genug Geld hatte, habe ich mir ein Auto gekauft, aber wenn ich Pleite war, habe ich es wieder verkauft. Ich habe aber nie ein Bike verkauft wegen des Geldes. Seit ich 18 bin, bis heute, habe ich immer ein Motorrad gehabt. Außer der Zeit, als ich im Gefängnis saß, da habe ich am Tag, als ich in den Knast ging, mein Motorrad verkauft. Und als ich wieder raus kam, habe ich am gleichen Tag noch ein neues gekauft.

Du trägst den Deathhead ein Leben lang. Wie ist das für dich, praktisch jede Minute mit ihm zu verbringen – er ist doch sicher längst ein Teil von dir, so wie ein Arm oder ein Bein?

Ich weiß gar nicht, wie es ohne ist, was die Alternative ist. Es ist schwer zu sagen, weil ich nie etwas anderes gemacht habe.

Wie ist das, älter zu werden? Ist es schwer zu akzeptieren, dass man vergänglich ist, wenn einem im Leben niemand etwas anhaben konnte?

Wir sind nicht mehr die Jüngsten, ich werde 75 dieses Jahr und meine Frau wird 55. Älter werden ist ziemlich fucked up – ziemlich scheiße. Ich bin der Meinung, wir sollten alt geboren werden und dann jünger werden. Und wenn die Zeit kommt, dass man schlau genug ist, sollte man ausreichend Geld verdienen, um das Leben zu genießen, statt anders herum. Denn wenn man die Zeit erreicht, wo man gestanden genug ist, vielleicht ein schönes Motorrad hat, genug Geld, ein Haus und glücklich verheiratet ist, ist man manchmal zu alt, um das zu genießen. Andererseits ist man nie zu alt, um das Leben zu genießen, aber es macht natürlich viel mehr Spaß, wenn man jünger ist. Aber es macht mir nichts aus – es ist leider, wie es ist. Die Alternative zum Altwerden ist jung sterben! Aber alt zu werden, ist viel besser …

Und wie reagieren deine Brüder aus dem Club?

Wir haben unsere Clubausfahrten und Sitzungen, an denen ich jede Woche teilnehme, z.B. auch unsere USA Runs und den 4. Juli, den Unabhängigkeitstag mit Party, und an all diesen Dingen nehme ich nach wie vor teil. Ich rede aber ungern über den Club, ich bin halt nicht mehr der Vorstandssprecher. Weil, hm, wie soll ich das jetzt erklären, weil ich jetzt alt bin, der Club duldet mich. Wenn man über 70 ist, hat man keine Idee, wie ein 30-jähriger heutzutage denkt, verstehst du? Als ich 30 und 40 war und Präsident des Clubs, wusste ich, was alle gedacht haben. Ich wusste auch, was alle taten und was rund um den Globus los war. Heutzutage habe ich Schwierigkeiten zu verstehen, was ich selber tue! (lacht). Also steige ich auf mein Motorrad, fahr zur Versammlung und zu Treffen und zu Partys, und alle dulden mich. Man sagt Hallo, man lädt mich zum Drink ein. So ist das nun, aber es ist trotzdem schön.

Bist du anders geworden mit den Jahren? Gütiger, gerechter, vielleicht sogar spirituell?

Als ich noch jung war, dachte ich, man kann alles mit einer Schlägerei regeln. Ich liebe Boxen und wenn es eine Auseinandersetzung gab, haben wir es eben ausgeboxt. Heute geht das gar nicht mehr. Ich habe gelernt, wie man verhandelt, und wenn das nichts hilft, boxe ich mal, wenn es notwendig ist. Aber das ist sehr, sehr selten. Wenn es hart auf hart kommt, springt einer meiner Freunde ein und übernimmt das, bevor ich überhaupt anfangen kann. Ich mag das aber nicht. Eigentlich mag ich es überhaupt nicht, aber es passiert manchmal.

Ich glaube nicht, dass ich liebenswürdiger geworden bin als früher. Ich war schon immer eher sanft und entspannt und ich wollte immer für eine ausgeglichene Situation sorgen. Ich mag keine Rüpel, ich hasse Menschen, die andere schikanieren. Das sind diejenigen, denen ich immer eine auf die Fresse gehauen habe. Ich hasse Tyrannen! Und das sind meiner Meinung nach Polizisten und Bullen, das sind Tyrannen und Rüpel! Das waren die immer. Die nennen uns eine Gang, die wollen, dass wir eine Gang sind. Und das sind wir nicht! Wir sind ein Motorradclub. Aber es gab diesen Typen, ich glaube er hieß Daryl Gates, er war Polizeichef der Stadt Los Angeles. Er stellte 15 Meter hohe Werbetafeln auf, wo drauf stand: Werde Mitglied der größten Gang der Welt! – Werde ein LA Cop! Da stellt sich doch die Frage, wer die echten Gangster sind? Wir oder die Bullen? Wir haben eine Stadt genau neben uns, wo die Polizisten mindestens fünf Leute pro Woche erschießen! Ohne Scheiß – fünf Mann die Woche! Und dann gab es den Polizisten, der einen unbewaffneten Mann erschossen hat, der geistig zurückgeblieben war und ein Kind in seinen Händen hielt. Und das war bereits die siebente Person, die dieser Bulle erschossen hat! Jetzt erzähl mir, dass der kein Tyrann oder Rüpel ist. Und sie haben jede Erschießung gerechtfertigt, außer der letzten. Jetzt ist der Bulle suspendiert und wird einen Prozess kriegen. Aber er hat einen Mann erschossen, der ein Kind im Arm hatte! Und er sagte, er dachte, dass sein und das Leben des Babys in Gefahr war. Und hätten die Staatsanwälte die restlichen sechs Erschießungen des Mannes tiefgründiger untersucht, hätten sie festgestellt, dass die alle unnötig und nicht gerechtfertigt waren. Aber er hat stattdessen noch Auszeichnungen bekommen!

Wie ist dein Verhältnis zu Freundschaft? Du hast sehr viele Freunde im Club – was ist dir an einem Freund wichtig?

Wenn du loyal zum Club bist, wenn du nicht lügst – dann bist du mein Freund. Ich bin loyal zum Club und ich lüge nicht. Ich bin auch der Meinung, wenn du Tiere nicht magst, kann ich dir nicht vertrauen. Auch wenn meine Tiere dich nicht mögen, weiß ich, dass man dir nicht trauen kann.

Hast du viele Freunde außerhalb des Clubs?

Ich habe auch viele Freunde außerhalb des Clubs, mit denen ich Kontakt halte, echte Freunde. Mit denen ist es das Gleiche wie mit dem Club. Wir können uns hinsetzen, uns unterhalten, was zusammen trinken, und wir müssen uns keine Gedanken darüber machen, dass ich dir was wegnehme oder du mir. Wir sind halt Freunde. Ich habe auch noch Freunde, mit denen ich Kontakt habe seit meiner Jugendzeit. Ich habe auch eine Schwester, aber keine Kinder. Viele sagen, dass ich ihr Vater bin, aber das stimmt nicht. Wir lachen immer darüber.

Wenn du auf die vielen Jahre zurückblickst – was war deine beste Entscheidung in deinem Leben? Und welche war die schlechteste, was bereust du vielleicht?

Ich glaube, dass ich die beste Entscheidung im Alter von 17 Jahren getroffen habe. Ich wurde aus dem Militär geschmissen, weil ich zu jung war, und ich kam zurück in die Bay Area nach San Francisco bzw. Oakland. Ich lebte in Oakland in den 50er-Jahren, und da gab es eine Gruppe von Menschen, die Beatniks genannt wurden. Sie waren sehr populär und bekannt, einer von denen hatte ein Buch geschrieben, das hieß „On the road“ von Jack Kerouac. Ich habe dieses Buch gelesen, Jack und Neal Cassidy und Allen Ginsberg und alle diese Jungs kennengelernt. Es waren keine Freunde, aber gute Bekannte, und wir haben uns öfters unterhalten. Ich habe dann versucht, mich zu entscheiden: Will ich ein Beatnik oder ein Biker werden? Und nun bin ich über 56 Jahre später immer noch ein Biker – und die Beatniks gibt es nicht mehr. Also war das die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.

Und die schlechteste?

Das ist ziemlich schwer, denn wenn ich darüber nachdenke, gab es nie eine schlechte oder die schlechteste Entscheidung. Wenn ich schlechte getroffen habe, dann habe ich sie geändert. Ich habe nie Angst gehabt, eine schlechte Entscheidung zu ändern. Wenn ich etwas tue und ich sehe, dass es falsch ist, ändere ich es.

Wenn du zurückblickst auf die Anfänge im Club – und es vergleichst mit dem heutigen Zustand: Was sind die größten Unterschiede und was ist immer noch gleich?

Es ist schwer zu erklären. Es ist halt ein komplett anderes Leben als früher. Ich kann mir wie gesagt überhaupt nicht mehr vorstellen, was ein 50-Jähriger denkt und schon gar nicht, was ein 30-Jähriger im Kopf hat! Ich bin einfach froh darüber, dass ich mitfahren kann. Wenn die Jungs Fragen zu etwas haben, kommen sie zu mir und fragen, falls sie meine Meinung wissen wollen. Was viele schon machen, denn sie wollen alles über die alten Zeiten, die Anfangszeiten, wissen. Ich versuche nicht, die Regeln zu machen, ich bestehe auch nicht darauf. Die Jungs haben ihre Offiziere, die haben ihre Members, und ich bin nur ein Teil vom Club. Ich laufe einfach mit heutzutage. Ich war zweimal im Knast und ich habe am meisten während dieser Zeit vermisst, mit meinen Brüdern und dem Club zusammen zu sein. Aber es war ein sehr wichtiger und bedeutender Teil meines Erwachsenwerdens.

Welche Musik magst du?

50er und 60er Country-Musik und Westernmusik. Vor allem die alten Sachen. Die Musik heutzutage ist gar nicht mein Ding. Das Zeug, was man heutzutage Musik nennt, ist mir zu hart. Sogar modernen Country mag ich nicht. Ich stehe auf drei Akkorde auf einer Gitarre, eine einfache Melodie gibt mir alles.

Du trainierst viel und hart in deinem Gym. Man sagt, du stößt heute noch 200 Pfund. Stimmt das?

Bis ich 50 Jahre alt war, habe ich 125 Kilogramm oder mehr an der Bank gedrückt. Aber nach meinem Kehlkopfkrebs und nun nach meinem Protatakrebs schaffe ich es nicht mal, 70 Kilo zu drücken. Guck mal, wie mager ich bin! Wenn ich diesen Scheiß überstehe, dann geht‘s zurück in den Fitnessraum mit Gewichtheben. Heutzutage trainiere ich nicht mehr, um zu sehen, wie stark ich bin. Ich trainiere, um gesund zu sein und zu bleiben. Das ist ein großer Unterschied. Denn man kann sehr stark sein, dafür aber ungesund. Ich habe geraucht, ich habe Krebs bekommen, ich habe mit der Raucherei aufgehört. Weißt du, was COPD ist? Chronic Obstructive Pulminary Disease (COLE – chronisch obstruktive Lungenerkankung) – das habe ich bekommen. 30 Jahre nachdem ich aufgehört habe zu rauchen! Ich habe vier Schachteln Camel am Tag geraucht. So habe ich jetzt etwas Schwierigkeiten zu atmen. Ich kann alles machen, aber ich muss immer etwas langsam machen. Ich kann nichts mehr schnell erledigen.

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Es wird ja immer behauptet, es gäbe ein Schreiben, ein Dokument der AMA (American Motorcycle Association), das den Begriff der „Einprozenter“ begründet hätte und dass du im Besitz dieses Schreibens wärst.

Es gibt kein Dokument. Die haben es in den Nachrichten und in den Zeitungen erzählt: Die AMA-Leute wären die Menschen, die Motorrad fahren, und die Hells Angels sind das eine Prozent, das alles versaut. Es gibt kein Dokument für diese Aussage. Es wurde nur im Radio, Nachrichten und Zeitungen gesagt. Hast du die Serie „Sons of Anarchy“ gesehen? Das ist, was alle denken, was wir sind. Wir haben vielleicht ein oder zwei spannende Tage pro Jahr. Der Rest ist wie jetzt. Wir sind genau wie du! Die Menschen wollen das aber nicht wissen. Man denkt, dass wir unterwegs sind, um Menschen umzubringen und zusammenzuschlagen, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Das ist, was die Menschen hören wollen – aber wir sind nichts anderes als du.

Wir unterhielten uns noch über sein Business, er verkauft seine Bücher, die er geschrieben hat, in alle Welt. Insgesamt sind es sechs Titel, die er vertreibt, sein erstes Buch „Hells Angels“ ist in 28 Sprachen übersetzt worden. Sonny erklärte: „Wir machen ein wenig Geschäft, ich habe eine kleine Versand-Firma, verkaufe meine Bücher sowie T-Shirts und Zorana nimmt die Bestellungen entgegen und druckt sie aus und ich packe alles zusammen, dann schicken wir alles los. Das nimmt ein paar Stunden täglich in Anspruch. Wir verdienen nicht viel Geld, aber es sind viele kleine Dinge, die zusammenkommen, und so kommen wir über die Runden.“

Seit zwei Jahren lebten sie in ihrer kleinen Ranch. „Wir haben sehr viel Arbeit investiert, sind aber noch längst nicht fertig. Man musste sie erst wieder bewohnbar machen. Ich habe Freunde, die uns viel helfen, die Innenausstattung hat meine Frau selber gemacht. Bei Elektrik und Sanitär haben uns Freunde geholfen, den Rest machen wir selbst“, erzählte Sonny. „Wir haben etwa 40 Bäume abgesägt, damit wir ausreichend Platz für unsere Pferde haben. Komm, ich zeig‘s dir, damit du ’ne Vorstellung hast …“ Der Grund, aus Cave Creek wegzuziehen, war die zunehmende Besiedelung der Gegend. Sonny: „Wir wohnten an der 14. Straße – das war eigentlich schon außerhalb, aber alle haben gesagt, das es Cave Creek ist. In Wirklichkeit hieß es Desert Hills. Mal sehen, ob ich es erklären kann.“ Und dann erzählte er von der Kleinstadt Cave Creek nahe Phoenix und dass daneben das Dörfchen Anthem gebaut wurde. Die Gemeinden wurden miteinander verbunden, aber es gab keine Straßenlaternen und keine Bürgersteige, nur Schotterpisten. Man durfte Pferde haben. Doch dann wurden nach und nach an die 50 000 Häuser gebaut rund um Desert Hills und Sonny sagte zu seiner Frau, es wird Zeit für uns, wegzuziehen, denn bald wird es Bürgersteige und Straßenlaternen geben. Diese gibt es inzwischen, und die beiden haben sich im neuen Heim eingelebt. Sie bekamen wie eh und je viel Besuch, oft ging es zu wie im Taubenschlag.

Bei meinem nächsten Besuch war genau so eine Zeit. Sonny Barger war ohne Pause unterwegs, feierte neben seiner Anniversary (56 Jahre bei den Hells Angels!) auch die Vorstellung seines Films „Dead in Five Heartbeats“. Die Promotion lief gerade mit voller Kraft an, und Sonny wie Zorana, die als Executive Producer an der Herstellung entscheidenden Anteil hatte, stürzten sich mitten hinein ins Gewimmel. Im Silver 8 Cinema auf der Bell Road in Phoenix stand die öffentliche Uraufführung des Filmes bevor, in der Woche darauf sollte es tägliche Vorstellungen geben. Und am Ende dieser Woche – die Bargers ließen es sich nicht nehmen, täglich zu einigen Vorstellungen aufzukreuzen – stand Sonnys Feier anlässlich seiner 56-jährigen Zugehörigkeit bei den Angels an. Ein ambitioniertes Programm für einen beinahe 75-Jährigen! Doch das schien ihm überhaupt nichts auszumachen, er wirkte dieser Tage frisch und munter, freundlich und offen zu jedermann und es gab niemand, der seinen Autogramm- oder Fotowunsch nicht von Sonny Barger erfüllt bekommen hätte.

USA Arizona 28.3. - 16.4.2013 13.4.2013 14.4.2013 Hausgast bei SB und Fahrt zum Kino

Ich fand den Weg dieses Mal allein zum Barger-Anwesen. Letztes Mal wurde ich eskortiert, das war nun nicht mehr nötig, man kannte sich ja bereits. Eine Wache stand am Tor, nickte mir zu, stellte aber keine Fragen und ließ mich passieren. Im Hof standen bereits etwa ein Dutzend Harleys, manche mit Taschen, die auf der Rücksitzbank verschnürt und befestigt waren. Eine Gruppe Männer stand etwas abseits und unterhielt sich. Ich steuerte auf die Veranda zu, unter der ich im Jahr zuvor schon mit dem Hausherren gesessen hatte, und grüßte die dort sitzende Gruppe. Es waren fünf Männer, zwei davon Hells Angels aus Kalifornien, zwei andere hatten das Color der Sons of California auf dem Rücken. Ich fragte sie, wo Sonny sei, und einer meinte, er wäre im Haus. Also zögerte ich nicht weiter, sondern betrat das Haus durch den Haupteingang. Im Wohnzimmer fand ich niemanden vor, aber aus der Küche drangen Stimmen. Ich ging um die Ecke und da saßen Zorana und einige andere Mädels und hielten Hof. Sie schienen Spaß zu haben, denn lautes Lachen erfüllte den Raum und sie beruhigten sich gar nicht wieder. An der Stirnseite des Tisches, an einen Küchenschrank gelehnt, stand Sonny, die Hände in die Taschen versenkt, und beobachtete das Schauspiel. Er stand da ganz still, sagte nichts, nur ein angedeutetes Lächeln huschte über sein Gesicht. Was für ein Bild!

USA Arizona 28.3. - 16.4.2013 13.4.2013 14.4.2013 Hausgast bei SB und Fahrt zum Kino Sonny Barger

Wir begrüßten uns und saßen später draußen an einem großen runden Tisch. Eine bunt gemischte Runde war das, und wir unterhielten uns über alles Mögliche. Ein Angel aus Kalifornien erzählte über seine Erlebnisse mit deutschen und US-Behörden bei Ein- und Ausreise und wie er regelmäßig schikaniert werde. Da hatte ich aus deutscher Sicht auch einiges zu erzählen, was das betraf, und wenn nicht Sonny zum Essen gerufen hätte, wäre das Thema wohl noch stundenlang diskutiert worden. Ab und an kam ein neuer Gast auf den Hof gefahren, und so langsam füllte sich die Ranch. Im Haus und auch draußen gab es im späteren Verlauf der Party die ersten Drinks und irgendwann wurde auch der legendäre Moonshine-Likör verkostet. Es gab ihn in Rot und in Gelb und er schmeckte süß. Seine Besonderheit aber war der hohe Alkoholgehalt, denn der lag bei 80 Prozent! Die Angels kennen dieses Gesöff schon sehr lange, bereits Johnny Angel hatte mir davon erzählt. Davon konnte man nur kleinste Mengen nehmen, denn im Falle der Übertreibung würde der Abend nicht lang werden. Irgendwann verließ ich den Platz, mir reichte es, aber am nächsten Mittag, als ich wiederkam, sahen alle etwas derangiert aus. Bis morgens um neun Uhr hätte die Party gedauert, erst dann seien sie ins Bett gekommen, erzählte Zorana, der die Mühen kaum anzusehen waren. Aber alles sah genau aus wie am Tag vorher, nur, dass jetzt noch mehr Typen auf dem Gelände herumlungerten. Nur Sonny schien das alles nicht weiter zu interessieren. Er saß mal hier, wechselte ein paar Worte da und als es ihm zu viel wurde, verzog er sich in ein Nebengebäude, in dem sein Gym und sein Bücherlager untergebracht waren. Irgendwann tauchte er wieder auf, ging zu seinen Pferden und fütterte sie mit Pfefferminzbonbons.

Wir trafen uns noch einmal, da war der Trubel etwas abgeebbt. Wir aßen zusammen in einem Amish Restaurant. Im Pick-up saß Sonny hinten, seine Frau fuhr. Er bestellte ein Sansberry Steak mit viel Soße, dazu Dr. Pepper und ein Wasser ohne Eis. Natürlich kamen wir wieder auf seinen Film „Death in 5 Heartbeats“ zu sprechen und er erzählt von früher, als sie in den wildesten Bikermovies mitspielten. Als ich „The wild one“ erwähnte, erzählte Sonny, dass er Marlon Brando für einen Maulhelden halte, der den Biker nur gespielt hätte, während Lee Marvin ein wirklicher Biker gewesen sei. Immerhin hatte der Film Generationen junger Männer beeinflusst, die so sein wollten wie die Rocker im Film. Er naschte vom Teller seiner Frau und ließ den Rest des Fleisches für seine Hunde einpacken. Sonny lächelte und sagte, sie würden vor allem die Soße mögen.

Höllenritt durch Arizona: Tiefe Einblicke in Amerikas Bikerszene. Zu Hause bei Sonny Barger. On the Road mit Johnny Angel. Mit den Hells Angels-Legenden unterwegs war Journalist, Harley-Enthusiast und Weltenbummler Jens Fuge. Als Hausgast der Angels-Legenden wurde ihm als Außenstehenden ein einmaliges Privileg zuteil. Er begleitete die ältesten Angels bei ihren 56. und 54. Anniversary-Feiern, sah die Premiere von Bargers Film „Dead in 5 Heartbeats“ und feierte eine 81er Hochzeit mit. 1000 knallbunte Motorräder. Rad an Rad im Pack. Jägermeister im Bashful Bandit Tucson. MC-Kenner Jens Fuge lässt nichts aus. Ob die farbenfrohe Gemeinde der Schwarzen Biker, die legendären Hells Angels oder der lokale Motorradclub Loners – er kennt sie alle und hängt mit ihnen ab. Der Experte für die MC-Szene schreibt seit Jahren für die größte Szenezeitschrift Europas, die BikersNews. Im ersten Buch der Reihe „Backroad Diaries“ ist er zu Besuch bei den Hells Angels-Legenden Sonny Barger und Johnny Angel, fährt mit dem ALMA MC nach Los Angeles, feiert mit den Soul Brothers und dem Loners MC und donnert im Pack mit den Hells Angels zu einem Freiluft-Boxevent. Spannende Reportage, 100 Seiten, reich bebildert.