Chemie Leipzig: Gefühls-Eruption nach Last-Minute-Aufstieg

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Da waren sich die Fans aus Leutzsch mal wieder einig: Das war ein Last-Minute-Aufstieg! „Umso schöner“ hörte man aus allen Ecken inmitten der Jubel-Orgie nach dem Spiel gegen Glauchau (3:0). Nach einer äußerst durchwachsenen Saison mit Trainerwechsel, Spielermangel, Spielausfall und gleich mehreren Durststrecken brachte kurz vor dem Saison-Ende niemand mehr den so typischen grün-weißen Optimismus auf. Es langte trotzdem.

Das gab es in meiner persönlichen Chemie-Geschichte auch noch nie: Ich dachte nicht mal im Traum daran, das so wichtige Auswärtsspiel in Zwickau aufzusuchen. Ich packte lieber auf einer Baustelle mit Freunden an. Woran lag es? Nicht einmal in den tristen achtziger Jahren kam das Fernbleiben zu einem Auswärtsspiel vor. Prenzlau, TSG Bau Rostock, Eisenhüttenstadt – nur der Tod entschuldigt, hieß unsere Parole. Nun gut, wir haben die Achtziger Lichtjahre hinter uns gelassen, aber trotz Anwesenheit in Leipzig und derartiger Bedeutung eines Spieles daheimgeblieben? Ich will die Wahrheit sagen: Ich wollte unserer Chemie einfach nicht den Aufstieg versauen. Sechs Auswärtsspiele sahen mich in dieser Saison – und ich nicht einen einzigen Sieg. Nur einen einzigen Punkt brachte ich mit – von 18 möglichen! Konnte man die Pleite in Grimma noch halbwegs verschmerzen (wann haben wir dort je gewonnen?!?), wollte mir nicht in den Kopf, wie man in Heidenau, Taucha (!!), Pirna verlieren kann. In Riesa geht das schon mal, aber niemals nach diesem Spielverlauf und so kurz vor Ende. In Kamenz erarbeitete ich mir im Schneetreiben und Kälte den Punkt, indem ich die ganze Zeit die Treppen auf und ab lief und einen Kaffee nach dem anderen inhalierte, um nicht ganz auszukühlen. Ach, jetzt fällt mir gerade ein, ich war ja in Eilenburg! Das hatte was von Souveränität, das gefiel mir. Also das verbessert die Bilanz ein wenig, aufstiegsreif klingt es aber immer noch nicht. Vier von 21 Punkten, naja. Also beschloss ich, den letzten Strohhalm zu ergreifen und sah von einer Mitreise nach Zwickau ab. Wenn Chemie noch den Hauch einer Chance haben sollte, musste ich fernbleiben. Dieses persönliche Opfer war ich einfach schuldig nach meiner schrecklichen Auswärtsbilanz. Was soll ich sagen: es hat geklappt. Ich war auf der Baustelle nicht wirklich zu gebrauchen, denn ich starrte 90 Minuten auf mein Handy. Aber was solls.
Dann das ausgefallene Spiel gegen Chemnitz. Eine ganz traurige Lachnummer, wie ein paar Chaoten soviel Schaden anrichten können. Auf beiden Seiten, wohlgemerkt. Und wie Vereine tricksen und lügen, weil sie sich am grünen Tisch noch etwas versprechen. Das war ganz dünne, ihr Chemnitzer „Sportfreunde“! Auch die Heidenauer werden keine Freunde mehr. Brauchen wir auch nicht. Aber wie dünnhäutig sie reagierten, als ihnen bei ihrem Heimspiel gegen uns die Inter-Peinlichkeit nochmals vorgeworfen wurde! Ein im Zoo vor Wut brüllender Affe hätte nicht einen Deut anders ausgesehen als der Heidenauer Betreuer in diesem Moment. Ließ tief blicken… Nur zu dumm, dass man solche peinlichen Elemente nicht mit ein paar Toren abstrafte und aus die Maus. Nein, als Fan war man schon gestraft diese Saison.
Dann die Verletzung von Andy Müller! Als ich davon hörte, sah ich schwarz für den Aufstieg. Den beständigsten und nach Tommy Kind torgefährlichsten Mann zu verlieren, nachdem schon Luis Engelbrecht plötzlich verschwunden war…? Aber da plötzlich hatte das Leutzscher Holz wieder einen echten Helden geboren. Ich glaube, seit Andy Schiemann Ball und Gegner zusammen ins Tor befördert hatte, gab es so eine Härte gegen sich selbst nicht wieder. Trotz Kreuzbandriss weitergespielt. Weiter, immer weiter! Irre, solche Geschichten lieben wir in Leutzsch. Der Mann hat unseren Respekt verdient, zumal er weiter wichtige Tore schoss.
Der Personalmangel war auch so ein Thema. Die halbe Abwehr verletzt, Karau, Heyse kaputt für mehrere Spiele. In Pirna zwei Spieler, die sich in der Pause auf dem Platz erwärmten. Was ist denn hier los? Tiefstes Unverständnis über soviel Unprofessionalität. Wozu gibt es eine zweite Mannschaft??? Ich habe Gregor noch in der Nacht eine Message geschrieben und gefragt, was da los war. Seine Antwort habe ich akzeptiert. Blind war es trotzdem, was da passiert ist, und das darf einfach nicht passieren, Landesliga hin oder sechste Liga her. Bei dem riesigen Aufwand, den der Verein betreibt, darf es an einer solchen Stelle einfach nicht hapern.
Dann der Trainerwechsel. André Schönitz plötzlich weg. Ein Ex-Bundesligatrainer da! FC Sachsen reloaded? Nein, das habe ich nie geglaubt. Dafür kenne ich Frank Schöne, unseren „Großen Vorsitzenden“, wie ich ihn scherzhaft nenne (weil er sich darüber so schön ärgert), zu gut. Glaube ich jedenfalls. Er ist einer der wenigen Menschen, die ich kenne, die sich ihre Entscheidungen bis zum Ende überlegen. Zumal er seit 45 und mehr Jahren so ziemlich alles in Leutzsch mitgemacht hat, was man sich nur einfallen lassen kann. Er weiß, wie oft und woran der Verein gescheitert ist. Und er ist total uneitel. Wohltuend uneitel für einen Fußballfunktionär. Ich kenne nur einen, der ihn darin toppen kann, und der sitzt bei Chemie auf der Kasse. Siggi Klose sitzt sogar während der Spiele in seinem Büro und kümmert sich ums Geld. Das ist nicht zu toppen. Also darf man davon ausgehen, dass Frank Kühne einen Plan mit dem neuen Trainer Demuth verfolgte, der über den bloßen Trainerwechsel hinaus ging. Erstaunlich, dass die Elf unter dem neuen Coach größtenteils noch unkonstanter spielte als unter dem vorherigen Trainer. Schönitz holte 30 Punkte, ohne ihn wurden weitere 30 geholt, drei davon fielen beim 3:1 gegen Görlitz an, das sein Co-Trainer Hansi Weiß verantwortete. Zwei Negativserien mit jeweils drei Spielen ohne Sieg musste Demuth verbuchen. Lag es also doch an der Mentalität der Spieler und weniger am Mann an der Linie? „Wir brauchen mehr Beißer“, hatte Frank Kühne schon in der Winterpause konstatiert. Mancher Wechsel deutet zumindest daraufhin.
Dass die Truppe es draufhat, hat sie oft genug bewiesen. Die Nerven hatte sie nicht immer im Griff, da gab es zu große Unterschiede. Die Mentalität entscheidet im Fußball Meisterschaften, das ist nicht neu. Ganz zum Schluß haben es die Kicker gezeigt, dass es geht. Im rechten Moment haben sie die berühmten Leutzscher Tugenden herausgeholt und sich als ganze Männer gezeigt. Jeder Einzelne. 3600 Zuschauer haben bewiesen, dass Leutzsch lebt. Vielleicht ist es vitaler als je zuvor. Auf jeden Fall: Chapeau! Danke an alle Macher und Helfer. Hurra, Chemie ist wieder da!
Achso… Und weil das nun mit Zwickau so gut geklappt hat: Bildet euch ja nicht ein, ich bleibe jetzt jedes Mal heeme. Die Glücks- und Pechsträhnen enden und beginnen jede Saison neu. So!

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