Meine stupiden vier langen Tage auf der Interstate 10

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Wenn man keine Lust auf endlos gerade und langweilige Landstraße hat, nimmt man die Interstate. Die ist auch endlos gerade und langweilig. Aber schneller. Und so wurden aus den geplanten 14 Tagen am Ende kurze vier und ein persönlicher Rekord von 1280 Tageskilometern. Trotzdem war es die stupideste Motorradfahrt meines Lebens. Vier Tage auf der I 10.

Nach den 8000 Kilometern von Vegas nach Miami mit dem Club stand nun die Rückfahrt nach Phoenix, Arizona, an. Ein paar Promo-Termine für das Buch über die kubanischen Harley-Freunde („Cuban Harleys, mi Amor„) hatten einen Aufenthalt in Miami nötig gemacht. Nach dem Besuch einiger Freunde und dem herumstöbern in Little Havanna begann der lange Rückweg in die Wüste, nötig geworden durch den Willen, das in den Staaten befindliche Bike zu verkaufen. Aufbruch in Miami am Donnerstag nachmittag, nachdem ich noch ein paar Bücher bei Carlos abgeliefert hatte. Man weiß ja nie… Mitten hinein in die Rush-hour stieß ich mit meiner Electra Glide ins endlose Meer der Karossen, die sich im Stop and Go ihren Weg heimwärts suchten. Nach einer Weile wurde es besser, und auf der Interstate 75 kam ich ins Rollen. Es ging recht gut voran, nur der Himmel mgab Anlass zur Sorge, denn von einer finstern Woleknfront huschte ich zur nächsten. Obgleich, der Regen blieb aus, und ich rollte bequem fast 340 Kilometer. Dann jedoch zwang mich die Besorgnis über die Blitze, die ständig genau in meiner Fahrtrichtung zu Boden schleuderten, zum Halt. Ich stieg in einem Hotel in Punta Gorda ab, 160 km entfernt von meinem eigentlichen Ziel in Brandon, wo ich mit dem Herausgeber des Motorradmagazins „Born to Ride“ verabredet war. Ich genoss die Ruhe hinter dem Fenster, aus dem ich dem Regen zusah, der sich doch noch eingefunden hatte. Am nächsten Morgen startete ich rechtzeitig, riss die restlichen Kiolometer ab und stand kurz nach zehn vor einer unscheinbaren Tür. Ron Galetti empfing mich sehr freundlich und wir verbrachten die nächsten sechs Stunden zusammen mit einem kleinen Ritt über die umliegenden Backroads. Wir tuckerten unter den mit Spanischem Moos behangenen Bäumen entlang, die die Straßen säumen und wie einen Tunnel erscheinen ließen. Old Marianne brachte uns einen echten Südstaaten-Cheesburger in „Tim’s Cafe“ in Lithia, wo die Minenarbeiter aus den nahen Phosphatminen ihren einfachen Lunch zu sich nehmen. 25 Prozent der Weltvorkommen an Phosphat befinden sich hier in der Gegend. Gegen vier Uhr am Nachmittag erreichten wir wieder das Büro des Magazines, und nach einem Kaffee und einer kräftigen Umarmung zog ich von dannen. 530 Kilometer und einen Sonnenuntergang später erreichte ich Lamont, kurz vor Floridas Hauptstadt Tallahassee, und checkte in einem La Quinta Hotel ein. Ich hatte einige Stunden zuvor bei Lake City von der I 75 auf den Interstate 10 gewechselt, der mich nun bis zu meinem Ziel in Phoenix, Arizona, begleiten würde. 3500 Meilen, immer geradeaus. Durch Bundesstaaten: Florida, Alabama, Mississippi, Louisiana, viel Texas, New Mexico und schließlich Arizona. Die letzten 1000 Meilen durch Wüste, warm bis heiß würde es auf der gesamten Strecke werden. In Florida hatte ich das Glück, dass mich fast den ganzen Tag über Wolken begleiteten. Tiefschwarz meist, drohend und tiefhängend, ständig hing Regen in der Luft. Doch ich hatte Glück, bekam kaum einmal ein paar Tropfen ab und genoss den Schatten und die gemäßigten Temperaturen. Miami war heiß genug gewesen… Nachdem die Sonne untergegangen war, fuhr es sich noch bequemer, Verkehr herrschte auf diesem Abschnitt sowieso kaum. Mit meinen 90 Meilen pro Stunde (144 km/h) kam ich gut voran. Erst, als es endgültig dunkel war, suchte ich mir eine Bleibe für die Nacht. Am nächsten Morgen schaffte ich den Absprung gegen neun, und ließ 370 km später Florida hinter mir. Pensacola, der größte Marinestützpunkt der Staaten, grüßte mit einer Escorte Jagdflieger, und als ich die Escambia Bay auf der langen Stelzenbrücke überquerte, umwehten mich stürmische Vorboten eines nahenden Gewitters. In Mobile, Alabama, unterquert die Interstate 10 den Mobile River durch den George Wallace Tunnel, die Geschwindigkeit wird hier auf 40 Meilen heruntergesetzt. Ein kurzer Stau, und schon war auch diese Stelle erledigt. Jetzt kommt schon das Schild, auf dem Mississippi grüßt, Biloxi wird angekündigt, immer weiter gerade aus. Die Wolken werden immer dunkler, aber nichts passiert. Louisiana, der nächste Bundesstaat. Kurz vor New Orleans verlasse ich die I 10 und umfahre das Gebiet weiträumig, weil ich keine Lust habe, mich durch die Innenstadt zu quälen. Bei Baton Rouge lasse ich mich von den inzwischen in Fahrtrichtung dauernd niederfahrenden Blitzen beeindrucken und suche mir eine Bleibe. Regen macht mir nichts, aber rösten lassen will ich mich nicht. Da habe ich zuviel Respekt. Knapp 760 Kilometer stehen auf der Uhr, es ist gerade mal 17.30 Uhr. Ich hätte noch gekonnt… Kaum bin ich im Zimmer, bricht draußen die Hölle los, Sturzfluten ergießen sich, die Bäume und Büsche neigen sich fast 45 Grad im heftigen Wind. Zwei Stunden später, es regnet immer noch, immerhin gemäßigter, schmeiße ich mir die Regenklamotten über und fahre ins Steakhouse gegenüber. Ein zartes Sirloinsteak entschädigt etwas für das Wetter.
Am Morgen strahlt die Sonne, als ob nichts gewesen wäre. Heute ist der Tag… Ich will unbedingt wissen, wie weit ich an einem Tag fahren kann, ohne zu leiden. Viertel zehn komme ich los, der Verkehr ist nicht gerade dünn, obwohl Sonntag ist. Lafayette, Lake Charles, die texanische Grenze. Beaumont. 350 Kilometer sind geschafft. Hintern, Kreuz und Schulter normal. Läuft. Kurz vor Houston hängt eine riesige Wolke drohend über der Interstate, Schilder warnen: Flash Flooding possible. Ich muss schon zum dritten Mal an diesem Tag tanken. 270 Kilometer weit komme ich normal, bei Tempo 90 geht der Sprit entsprechend schneller zur Neige. Für mich günstig, dass bisher Wolken am Himmel zu starke Sonneneinstrahlung verhindern. So fährt es sich bequemer. Houston naht. Der Verkehr nimmt zu. Die Fahrbahn wird immer breiter. Eine geschlagene Stunde dauert die flüssige Fahrt durch die Stadt. Vor Jahren brauchte ich zwei Stunden, weil in der Rush Hour nur noch Stop and Go angesagt war. Spektakulär wird es westlich von Houston, denn der Abschnitt Richtung der Vorstadt Katy umfasst unglaubliche 26 Fahrspuren, was die I 10 an dieser Stelle zu einer der breitesten Autobahnen der Welt macht. Das erneute Tanken fällt schwer, weil ich erst einen Umweg nehmen muss. Es war etwas unübersichtlich, inzwischen steht die Sonne schräg vor mir direkt in Fahrtrichtung West. Die nächsten 300 km gehen wie von selbst, bis San Antonio läuft es wie ein Länderspiel. Das einzige Ärgernis sind die ständig in der linken Fahrspur klebenden Langsamfahrer. Im Gegensatz zu Deutschland darf man in den Staaten auch rechts überholen, und wenn so eine lahme Ente links festhängt, geht es Kreuzen durchaus rasant zur Sache. Die Mär, dass in den USA streng auf Geschwindigkeit geachtet würde und laufend Kontrollen stattfänden, hängt tief in deutschen Köpfen fest. Nur stimmt sie nicht. Ab und an stehen Cops am Straßenrand mit wahrscheinlichen Verkehrssündern zusammen, doch gibt es soviele Raser und Verrückte auf der Straße, dass man kaum davon ausgehen kann, dass besonders streng und effizient über die Einhaltung der Regeln gewacht wird. Ärgerlich wird das, wenn die Sonne derart blendet, dass man kaum erkennen kann, was sich vor einem abspielt, und wenn die Fahrbahn „Under Construction“ ist und die Fahrbahnen unterschiedliche Höhen aufweisen, man also beim Spurwechsel aufpassen muss, nicht auf die Fresse zu fallen. Durch San Antonio geht es lustig kreuz und quer, ehe die I 10 in leicht nördliche Richtung schwenkt. Endlich! Die Sonne steht jetzt links von mir, ich muss nicht mehr genau auf sie zufahren. Der Kilometerzähler steht jetzt bei 800 km. Da geht noch was! Ich verspüre keine Müdigkeit, alles OK. Arme und Po auch in Ordnung, also weiter… Es ist 19:04 Uhr, als ich 200 km und anderthalb Stunden später hinter San Antonio in Junction den Tank erneut fülle. Weiter, immer weiter! Der Verkehr ist inzwischen abgeflaut, es fährt sich äußerst komfortabel. Keine Hektik mehr, ab und an ein Überholmanöver. ICH überhole… Es ist einsam inzwischen. Felsige Gegend mit karger Natur, kaum mehr menschliche Ansiedlungen. Eine Stunde später zeigt die Tankuhr noch 70 Meilen Rest an. Ich fange leicht an zu schwitzen, denn auf den Schildern ist als nächste große Stadt Fort Stockton angezeigt – in 120 Meilen… Na gut, denke ich, es wird ja wohl noch was kommen in der Zwischenzeit. Das zuletzt angezeigte Ozona hatte ich leichtfertig links liegen lassen und nicht angehalten. Ich Rindvieh! Sheffield ist nahe, vielleicht hier? Ich fahre rechts raus und stehe an der Ruine einer Shell-Tankstelle. Das war nix… Scheiße! Also wieder raus. Noch 30 Meilen. Ich mache mir Sorgen. Auf der Karte ist nichts eingezeichnet, was Hoffnung vermitteln könnte. Wieder rechts raus, eine „Rest-Area“. Hier kann man Leute fragen, ob sie Sprit im Kanister mithaben und helfen können. Der fluchende Trucker hat andere Probleme, den lasse ich aus. Zwei Mädchen vermuten einen zudringlichen Tramper oder Vagabunden und fahren lieber. Ein paar Meter weiter halten sie aber doch an und fragen, ob ich Geld brauche. Ich sage nein, Geld habe ich, aber kein Benzin, um zur nächsten Stadt zu gelangen. Jetzt erbarmen sie sich und schauen auf dem Navi nach der nächsten Tankstelle. Und siehe da, 14 Meilen weiter, im winzigen Bakersfield, da soll es eine geben. Ich mache einen kleinen Luftsprung und fahre jubelnd und mit nur noch 65 Meilen pro Stunde weiter. Jetzt muss der wenige Sprit wenigstens bis Bakersfield reichen. Er reicht, und ich rolle mit dem letzten Tropfen an die Tanke im nirgendwo. Häuser gibt es hier keine. Bakersfield ist nur Tankstelle. Im Inneren ist es dunkel. Nach einer Schrecksekunde läuft das Benzin aber dann doch. Gottseidank… Es ist inzwischen restlos finster, aber der Tank ist voll. Ich schlage mich noch bis Ft. Stockton und rolle vor einem miefigen kleinen Hotel aus. „Executive Inn“ heißt der Palast. Ich checke den Kilometerzähler: 812 Meilen habe ich geschafft. 1300 Kilometer. Und ich könnte immer noch – der Energy-Drink liegt pisswarm und unangetastet im Koffer. Wahnsinn! Mein persönlicher Rekord. Und wie gesagt: Alles paletti, es schmerzt weder der Hintern noch der Rücken noch die Schultern. Wow! Ich trinke ein kaltes Bier und Quarze eine kubanische Zigarre auf den Erfolg. Phoenix ist deutlich näher gerückt. Mal sehen, wie lange ich noch brauche. Einen oder zwei Tage?
Der nächste Tag. Ich brauche etwas länger, frühstücke bei MacDonalds (ich weiss, ich weiss…), komme erst halb zehn los. Heute wird es richtig krass. Denn die Sonne begleitet mich im Gegensatz zu den vorherigen Tagen von Beginn an – und sie ist wirklich bös drauf. Aber es geht dafür gut voran. In Texas gibt es die höchste Geschwindigkeitsbegrenzung für Interstates in den Vereinigten Staaten. Zwischen den Countys El Paso und Kerr gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 80 mph (129 km/h). Aber für mich eigentlich egal, ich bin sowieso beständig mit 90 Meilen unterwegs… Nach Van Horn (was für ein Name!) geht es parallel zur mexikanischen Grenze entlang. Einen festen Checkpoint gibt es auch, alle Fahrzeuge müssen halten. „Border Control“ mitten in einem Bundesstaat – das ist erst mal ungewöhnlich. Trotzdem, die Grenze ist nur ein paar hundert Meter entfernt, da sind die Amis vorsichtig. Der Beamte lächelt, sagt „How are you Boss?“ und winkt mich weiter. OK… El Paso ist die Hölle. Riesig groß, Verkehr, endlos viele Zu- und Abfahrten, Stress. Und Hitze. Der Harleydealer auf der verkehrten Seite, ich lasse ihn trotz anderem Ursprungsplan links liegen. Ich glühe inzwischen. Pause, tanken. Ich komme nicht wieder auf die Interstate. Baustelle, Auffahrt gesperrt. Über Nebenstraßen quäle ich mich zur nächsten Auffahrt. Da ist Stau. Also absolut verkehrswidrig über den staubigen schrägen Seitenstreifen auf die Nebenstraße und Gas gegeben. Bis ein Bauarbeiter den Weg versperrt. Zurück, hier geht’s nicht weiter. Also umgedreht, wieder ans Stauende und rechts vorbei. Karamba! New Mexico, Las Cruces, endlose Hitze, es tut weh im Gesicht. Als wenn ein heißer Fön ins Gesicht gehalten würde. Ich experimentiere mit der Helmscheibe, aber nichts hilft. Nur viel Wasser in den Pausen. Am Nachmittag ausgiebiger Stopp in einem Denny’s. Drei große Gläser eiskalte Cola. Danach Bauchgrummeln und sofortiger Lokusbesuch notwenig. Wie man es macht… Ich bin ein lausiger Amateur. Es geht weiter, immer weiter. Geradeaus. Immer und endlos. 43 Grad prasseln auf mich ein. 500 Meilen erreicht. Ich kann nicht mehr denken. Jetzt schmerzt die Schulter plötzlich. Tucson. Noch 150 Kilometer. Das schaffe ich doch heute noch, oder? So kurz vorm Ziel. Ich lasse alle Pläne fliegen, ein paar Freunde und Bekannte zu besuchen, und ziehe durch. Der Schmerz wächst jetzt mit jeder Meile. Nach Tucson nochmal rechts raus. Wasser trinken, Gesicht und Haare nass machen. Und wieder auf die Piste. Es zieht sich. Todlangweilige Umgebung schon den ganzen Tag, der Höhepunkt (negativ) ist erreicht. Die Entfernung nimmt nur quälend langsam ab. 80 Meilen, 75, 70. Die Sonne sticht wieder. Genau von vorn, direkt ins Gesicht. Meine Fresse! 50, 40. Reicht das benzin noch? Nochmal raus, vorsichtshalber tanken, Wasser auffn Kopp. 25, 20 Meilen noch, der Verkehr nimmt zu, die Hoffnung auch. Stadtgebiet Phoenix erreicht. Nur nicht die 51 verpassen! Da ist sie, rechts runter, jetzt geht’s flüssig. Shea Boulevard, noch ein paar Ampeln. Rechts ran, auf dem Handy nochmal nach der Adresse geschaut. Dann habe ich das Haus erreicht. Ich klingele. Die Gardine bewegt sich, ein alter Mann öffnet zögerlich das Fenster. Ja…? Ich frage nach Mike. Nein, wohnt hier nicht. Aber die ADresse…? Falsch, zwei Seitenstraßen zu früh. Am richtigen Haus steht die Garage offen, Mike und drei Kumpels grüßen mich schon von weitem. Da bin ich ja endlich! Ja, sage ich, nach 1150 Tageskilometern. Du bist verrückt, mein Mike. Keine weiteren Fragen, euer Ehren. Das muss so stimmen. Aber ich bin da…

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