Buchtour durch Kuba mit Buchmesse und Harlista-Treff

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Zurück von der Promotiontour nach Kuba – mit tollen Ergebnissen. Etliche Veröffentlichungen in kubanischen, amerikanischen und deutschen Medien, die Präsentation auf der Buchmesse in Havanna sowie die Mega-Party mit den kubanischen Harlistas in Varadero mit der Übergabe der Freiexemplare an alle Porträtierten im Buch.

 

Havana-live.com
LaHabana.com
Ostthüringer Zeitung
Hereishavana.com
SZ Magazin 20.2.16

Für die Bewohner des Stadtteiles Playa boten die ersten Tage des Februar sicherlich kurzzeitig etwas Abwechslung beim Warten auf den Bus oder das „Colectivo“, das Sammeltaxi. Denn in den Morgen- und Abendstunden knatterte eine schwarze, schmale Harley die Calle 31 oder Calle 41 herunter, auf dem Weg nach Vedado oder raus nach Buena Vista. Wenn der Weg frei war, schoss die Maschine wie eine schwarze Mamba die breite Straße entlang, ein martialisches Geräusch entfesselnd, wie es die lärmgewohnten Habaneros noch nie zuvor gehört hatten. Die ausgeräumten Pipes kündeten von einer bisher unbekannten Spezies, nämlich die der harley-fahrenden Ausländer. Tätowiert, langhaarig, verwegen: So etwas kennen die geplagten Kubaner bisher nicht.

Diesen schönen Text verdanken wir Verena, einer jungen Reporterin eines kubanischen Onlinemagazines, die den täglich vorbeibrausenden Harlista beobachtete – mich. Wieder mal auf Tour in Kuba, in Zeiten, in denen sich vermeintlich täglich eine Menge ändert im sozialistischen Karibikstaat. Das Bike wieder im Container aus Deutschland gebracht, zusammen mit 50 Büchern, um den Harlistas aus dem Buch „Cuban Harleys, mi Amor“ ihr versprochenes Frei-Exemplar zu bringen. Zu umständlich, zu teuer überdies, um die Besorgung ihnen selbst zu überlassen. So begann ich die Tour im Oriente, im heißen Teil Kubas. In Holguin, wo Ronmel derzeit hart an einem Ford-Umbau arbeitet, um mit dem erlös wieder zu einer heißgeliebten Harley zu kommen. So lange hält er sich auf einer Honda mit 125 ccm über Wasser und flexibel. Fritura in Santiago hat ebenfalls keine Harley momentan, die seines kürzlich verstorbenen Freundes ist Gegenstand eines hässlichen Streites geworden. Sein Busenfreund Alejandro hat einige Einzelteile erworben, die einmal eine Harley gewesen sein sollen, fährt aber bis zu einer erfolgreichen Reunion auf seiner Moto Guzzi. Unweit von Camagüey, in Vertientes, wohnt Javier. Er ist Mechaniker, Konstrukteur, Jäger, Englischlehrer und Philosoph. Seine 4 Harleys sind allesamt nicht fahrbereit, zudem ist er krank und eh nicht an der Geselligkeit mit anderen Harlistas interessiert. Sein Sohn Eduardo ist da anders, aber er wird in diesem Jahr auch nicht nach Varadero zum großen Treffen kommen können. Zu teuer, die Kinder, die Frau… So passt es perfekt, dass ich ihnen die versprochenen Bücher vorbei bringe. Beim gemeinsamen Abendessen, zu dem ich spontan eingeladen werde, und zu dem auch Bruder Omar auftaucht, diskutieren wir über das Kuba dieser Tage. Omar lebt in Havanna und ist weitgereister Seemann sowie natürlich ebenfalls Harlista. Er sieht keine Veränderungen, obwohl sich die Regierung bemüht. Der Landwirt, der mit am Tisch sitzt, klagt über das soeben erlassene Gesetz über neue Obergrenzen bei der Preisgestaltung für Agrarprodukte. Was der Preistreiberei entgegenwirken soll, sorgt erst mal für leergefegte Märkte und steigende Schwarzmarktpreise. Nur Spott hat er übrig für diese Maßnahmen: „Die wissen nicht, was sie tun. Das hat alles keinerlei Sinn“. Er muss Verträge abschließen, die regeln, wie viel seiner Ernte er an den Staat abliefern muss. Auch der Preis wird darin geregelt – vom Staat. „Diese Erträge reichen hinten und vorn nicht. So bringt es einfach gar nichts“, klagt er. Effektiv könne er auch nicht sein, denn die im Gegenzug zugesicherten Kontingente an Diesel für die Maschinen, Futter und Dünger stehen kaum einmal zur Verfügung, wenn sie am dringendsten benötigt werden. Und so kann er nicht düngen, Saatgut ausbringen oder ernten, wenn es Zeit dafür ist, sondern wenn er Dünger, Saatgut oder Diesel zugeteilt bekommen hat. Ein trauriger Kreislauf, auch „sozialistische Planwirtschaft“ genannt. So bekommt man eine Ahnung, wieso dieses fruchtbare Land 70 Prozent seines Lebensmittelbedarfes durch Importe decken muss und sogar Zucker aus anderen Ländern einführen muss. Zucker…! Der einstige Weltmarktführer für Zuckerproduktion kauft Zucker in Brasilien, Kolumbien und Mexiko. Man könnte fast lachen, wenn es nicht so unglaublich wäre.

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In Havanna hat sich Mario, auch „Carpintero“ genannt, weil er Tischler ist, mit der Situation längst arrangiert. Seine Uralt-Maschinen, die ihr Arbeitsleben seit Dekaden hinter sich haben, stehen wie in einem surrealistischen Gemälde sorgfältig arrangiert in einem riesigen, halbverfallenen Saal. Das ehemalige Kino, nur einen Steinwurf vom berühmten Prado entfernt, dem Prachtboulevard, der zum noch berühmteren Maelcon führt, steht seit der Revolution ungenutzt. Prächtige Reliefs und ins Mauerwerk eingelassene Büsten künden von der einstigen Pracht. Soeben ist Stromausfall, die Maschinen aus den frühen Dreißigern können die riesigen Abfallhaufen unter ihren Schneidezähnen vorläufig nicht wachsen lassen. Zigarettenqualm umschmeichelt den hageren Tischler, der vier Angestellte hat und derzeit die „Muletas“, Krücken, quer vorn an den Lenker seiner ungepflegten Harley aus dem Jahr 1947 schnallt. Bei einem Unfall hat er sich das Bein gebrochen. Er erzählt allen, dass eine Maschine umgekippt wäre, doch unter der Hand wird getuschelt, er wäre von einem Balkon gesprungen, als der Ehemann seiner aktuell angebeteten Chica unverhofft nach Hause gekommen wäre. Er lacht schmutzig, als ich die Rede darauf bringe, und geht einer Antwort aus dem Weg. Doch sein Kommentar lässt tief blicken. Das macht doch fast Jeder in Kuba, lässt er mich wissen. Burschen wie er haben Hochkonjunktur. Nicht nur in fremden Betten. Reparaturen, Bauten aus Holz, Möbel – das brauchen viele. Obwohl seine Leistungen nicht billig sind. Für einen Türrahmen verlangt er 25 CUC – ohne Einbau. Für einen einfachen Couchtisch 80 CUC. Beim derzeitigen Niedrigkurs fast 1:1 zum Euro. Oha. Die Auftragslage ist gut. Trotzdem kommt er nicht ohne meine Hilfe nach Varadero. Die Batterie ist endgültig abgeschmiert, er keucht endlos beim Ankicken der Harley. Der Kickstarter bedeutet harte Arbeit, vor allem wenn man wie er höchstens 50 Kilo auf die Waage bringt. Früh sieben Uhr reißt mich das Handy aus dem Schlaf. „Ich stehe Via Blanca und 10 de Octubre und der Misthobel springt nicht mehr an. Kannst du mir die Batterie bringen?!“ Ich bringe ihm den neuen Akku, den ich wohlweislich mit ins Gepäck geschmissen hatte, aber nicht gleich. Als ich ankomme, ist er halbwegs betrunken, das stört aber nicht weiter, denn die Batterie, die anderthalb Jahre bei mir in der Garage gestanden hatte, brachte noch genug Saft, um die alte Kiste sofort anspringen zu lassen. An der Tankstelle in Guanabacoa fiel Carpintero mir um den Hals. Varadero war gerettet…

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So habe ich noch nie in Kuba gefroren wie auf der Fahrt ins Urlaubsparadies Varadero! Kalter böiger Wind, die Gischt vom Meer spritzte bis auf die Fahrbahn, die immer parallel zum Golf von Mexiko verläuft. Vorbei an den Ölbohrfeldern bei Matanzas, dem Kraftwerk, durch die geschäftige Industriestadt Matanzas, wo der 105-jährige Harlista Cheito Puig noch immer lebt. Vor Varadero Stopp an einem Zollhäuschen, wo man als Tourist zwei CUC Zwangsgeld entrichtet, um auf die Halbinsel zu gelangen. Zurück das gleiche nochmal. Einheimische zahlen 10 kubanische Peso, etwa 45 Cent. Im Zentrum des Urlauberörtchens, im „magischen Dreieck“ an der Avenida 1ra und Playa, befindet sich ein kleiner Imbiss, an dem man Bier und Snacks bekommt. Wenn man hier sitzt, hat man im Prinzip vor Augen, wer in Varadero gerade einläuft und schon in der Stadt ist, denn hier muss fast jeder durch. Also hockt hier schon ein lustiges Völkchen zusammen, das lange auf diesen jährlichen Höhepunkt gewartet hat: Mike aus Sangerhausen, der die Hälfte des Jahres in Cienfuegos lebt, Salgado, der liebenswerte Chaot aus Havanna, der seinen Bart extra hat langstehen lassen für das Event, und Conner ist auch da, die amerikanische Journalistin und Mitautorin unseres Buches „Cuban Harleys, mi Amor“.

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Es regnet immer wieder, es ist ungemütlich und kalt. So ein Mist! Und das soll das Urlaubsparadies sein? SO ein Bikerleben ist schon hart… Am Abend treffen sich trotz gelegentlich anhaltender Schauer die meisten Harlistas im Park. Es gibt Bier, Hühnchenkeulen und Gespräche. Mit dreistündiger Verspätung wird doch noch der neue Harlistafilm von Lyng Chang gezeigt, dem bekannten DJ und fanatischen Harlista. Auch unser Buch kommt darin vor. Schön… Im „Beatles“ endet die Nacht bei viiieeel Bier und guter Livemugge.

Am nächsten Morgen wieder Treff im Park, der Regen hat sich endlich verzogen und alles macht gleich viel mehr Spaß. Nach einer Kopfschmerztablette, versteht sich. Der Kaffee hilft nicht, er schmeckt scheußlich. Irgendwie gilt das auf der ganzen Welt: Je näher sich ein gastronomisches Angebot an touristischen Einrichtungen befindet, um so scheißer ist es. Gilt uneingeschränkt auch für Kuba. Unsere große Stunde naht: Die offizielle Buchpräsentation! Für ein Uhr ist das Mini-Event angesetzt. Alle sind da, der Platz ist brechend voll. Nur die Bücher fehlen noch. Die sind noch im Bus von Rockstar David Blanco unterwegs. Selbstverständlich ist er verspätet, weil er selbstredend am Morgen kaputt gegangen war und erst ein Ersatzbus angefordert werden musste. Wir nehmes kubanisch, vertrösten den nachfragenden Organisator und warten. Irgendwann taucht die Band auf, aber der Bus nicht. Achselzucken. „Wir sind ausgestiegen, da ist er schon weggefahren. Keine Ahnung, wohin“. Hektische Telefonate, Kopfschütteln, einschießender Unmut. Dann ist der Fahrer gefunden. Hat nur um die Ecke geparkt. War nur noch schnell eine Pizza holen – mit Bus natürlich. Beginn der Buchausgabe.

Kurze Rede, erstmals sitzen alle drei Autoren zusammen. Max ist nach zwei Jahren erstmals wieder da. Übersiedlung nach Miami. Er ist zwar Italiener, seine Frau aber nicht. Also mussten sie warten, bis sie wieder einreisen durften… Er ist begeistert, wir haben schöne Poster, Flyer, und für Jeden ein Buch. So wie versprochen. Conner übersetzt kurz, dann ist es soweit. Die Harlistas sind entzückt, noch nie hat jemand sein Versprechen gehalten und einen Nachweis seiner Arbeit geliefert. Schon gar nicht in Gestalt eines so schönen Buches. Ruckzuck sind die Bücher raus. Schöner Erfolg. Alle sind gerührt, begeistert, euphorisiert gar. Bis David Blanco mit seiner Show beginnt. Livekonzert ist Livekonzert. Vor allem Jose geht mit vollem Körpereinsatz mit. Sie nennen den Bäckermeister aus Cardenas auch „Chopper“, weil er den einzigen Chopper Kubas in Eigenbau hergestellt hat. Den Rahmen aus alten Gasrohren selbst geschweisst, den Büffelkopf von einer Weide aufgelesen, das Skelett eines Hundes hängt am hinteren Fender. Nur der Motor ist original Harley, alles andere stammt aus Josés Phantasie. Das Ding sieht nicht nur imposant aus, es fährt auch. Und es klingt gigantisch. Der Hingucker des Tages.

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In Havanna bleibt es kühl. Die Rückfahrt von Varadero wurde von einer herannahenden Regenfront bedroht, ging aber außer einem heftigen Wind glimpflich aus. Die Bikes werden wieder verladen, der Container ist schnell verladen, in anderthalb Monaten sind die Bikes wieder daheim. Die Sporty hat ein wenig gelitten: Flugrost am Auspuff, eine Delle vom Verladen am Tacho, ein paar Kratzer im Lack, nichts Ernstes. Das wird wieder in Ordnung gebracht, dann sieht sie aus wie neu. Die restliche Zeit verbringe ich mit dem Mietwagen. Eine Besprechung mit Max und Conner über unser Treffen in Miami, wo wir eine Pressekonferenz abhalten wollen mit den dortigen kubanischen Harlistas, um für das Buch zu werben. Ein Interview mit Journalisten vom Onlineblog Havana-live.com. Dann: die Buchmesse. 350 000 Leute in zehn Tagen. An Wochenenden bis zu 70 000 am Tag. Die Massen strömen. Bei uns im Saal passen 70 hinein, mit Müh und Not. Wir machen einen guten Job, ich erzähle vom entstehen des Buches, die Übersetzerin übersetzt, Conner redet selbst in spanisch. Chukin Chao ist da, wir lesen sein Kapitel vor. Er ist stolz, bedankt sich hinterher gerührt. Der Direktor des kubanischen Buchinstitutes, der das Buch vorab geprüft und für gut befunden hat, begrüßt uns kurz. Eine Journalistin von OnCuba, einem großen Webblog, interviewt uns. Auf einmal geht das alles. Vor vier Monaten habe ich unseren schönen, eigens für die Medien entwickelten Newsletter zu allen relevanten Onlinemedien, die sich mit Kuba beschäftigen, gesendet. Nix, null, keinerlei Reaktion. Auch nicht nach dem zweiten senden. Naja, besser jetzt als nie…

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